Anosmie – Wenn der Geruchssinn versagt
Wenn geliebte Menschen, Blumen, teure Parfüms und Leibspeisen plötzlich nach "einer Nase voll gar nichts riechen", macht das Leben nur noch halb so viel Spaß. Der Verlust des Riechvermögens, im Fachjargon "Anosmie" genannt, tritt bei den meisten Menschen unvermittelt auf.
Mindestens 2 Prozent der Bevölkerung können gar nicht mehr riechen, bei den über 50-Jährigen leidet jeder Vierte unter einem erheblichen Geruchsdefizit. Ursache dafür ist meist eine Nasennebenhöhlen-Entzündung, aber auch Schädeltraumen und Virusgrippen können Anosmie auslösen. "Auf einen Schlag" können viele Anosmiker dann nicht mehr riechen. Bisher konnten Ärzte kaum helfen. Eine Pilotstudie der HNO-Klinik der Technischen Universität Dresden gibt Anlass zur Hoffnung.
Geruchssinn ist noch nicht genau erforscht
Weil der Geruchssinn in unserer Gesellschaft als "Luxus" betrachtet wird, ist er bislang der am wenigsten erforschte Sinn. Als "Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie" haben sich erst 1994 riech- und schmeckinteressierte HNO-Ärzte zusammengeschlossen. Sie beschäftigen sich unter anderem mit dem Olfaktorius, dem Riechnerv. Zunächst entwickelten sie ein allgemeingültiges Verfahren zur Messung des Riechvermögens.
Riechstörungen werden heute unterschieden in: Anosmie (vollständiger Ausfall des Geruchssinns), Hyposmie (vermindertes Riechvermögen) und Parosmie (Geruchsirritationen).
Ernst zu nehmende Krankheit
An der HNO-Klinik der Technischen Universität Dresden arbeiten Wissenschaftler an der genauen Erforschung der Riechstörungen. Unter der Leitung von Professor Karl-Bernd Hüttenbrink ist dafür eigens der Arbeitsbereich "Riechen und Schmecken" eingerichtet worden. Denn Anosmie ist eine ernst zu nehmende Erkrankung.
Zum einen kann die eingeschränkte Wahrnehmung zu Appetitlosigkeit und in Extremfällen sogar zu Depressionen führen. Außerdem nehmen Anosmiepatienten ihren eigenen Körpergeruch nicht mehr wahr. Das kann vor allem bei Alleinstehenden zu echten sozialen Problemen führen. Zudem ist eine Anosmie sogar gefährlich: Verdorbenes Essen wird nicht erkannt, giftige Gase und Brandgeruch bleiben unbemerkt.
Ursachen von Anosmie
Funktioniert der Geruchssinn normal, gelangen Duftmoleküle beim Atmen auf die Riechschleimhaut. Dort binden sie sich an die Rezeptoren der Riechzellen. Durch die biochemische Reaktion werden Nervenzellen gereizt. Sie leiten den Impuls an das Gehirn weiter. Dort wird der Geruch identifiziert und instinktiv eingeordnet.
Während Nasennebenhöhlen-Entzündungen die Riechschleimhaut verändern, können Virusinfektionen Rezeptorzellen schädigen. Schädelhirntraumen führen häufig zum Abreißen der sensorischen Fasern. Auch durch Chemikalien und Medikamente können Riechstörungen entstehen. Daneben wurde Anosmie im Zusammenhang mit Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Morbus Parkinson und Morbus Alzheimer beobachtet.
Anosmiesprechstunde
Je nach Ursache sind unterschiedliche Therapieverfahren angezeigt. Dabei sind die Heilungschancen ganz verschieden.
Anhand eines Fragebogens werden in der Anosmiesprechstunde in Dresden Informationen zu Ess-, Trink- und Rauchverhalten sowie Vorerkrankungen, Unfällen, Operationen und Medikamenteneinnahme gesammelt. Anschließend wird eine HNO-Untersuchung durchgeführt. Dabei suchen die Ärzte endoskopisch nach vergrößerten Nasenpolypen und Schleimhautwucherungen.
Riechstörungen messen
Um den Grad der Erkrankung bestimmen zu können, hat Professor Gerd Kobal von der "Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie" die so genannten Sniffin’ Sticks entwickelt. Diese in Stifte verpackten Geruchsnoten sollen vom Patienten wahrgenommen, identifiziert beziehungsweise unterschieden werden. Anschließend wird das Ergebnis mit altersabhängigen Normwerten verglichen.
Das Olfaktometer liefert zusätzliche Daten. Über einen Schlauch werden verschiedene Gerüche in die Nase geblasen. Die hierdurch hervorgerufenen Ströme im Gehirn werden abgeleitet und wie bei einem EEG in einer Kurve aufgezeichnet.
Mittels Kernspintomographie ist es möglich, frühzeitig erworbene von später aufgetretenen Riechstörungen zu unterscheiden. Die Untersuchung gibt zusätzlich Aufschluss darüber, ob Tumore Grund für die Erkrankung sind. Bei der funktionellen Analyse werden während der Aufzeichnung Gerüche zugeführt und die im Gehirn hervorgerufenen Veränderungen abgebildet.
Behandlung
Die Entfernung von Schleimhautwucherungen ist vor allem für Allergiker eine Möglichkeit, das Geruchsvermögen zu verbessern. Kortikoidhaltige Tabletten oder Sprays können zuweilen helfen. Manche Patienten mit nasal bedingter Anosmie sprechen auf Vitamin-A-Präparate an.
Bei Anosmie nach Virusgrippe oder Schädeltrauma konnten Patienten bislang nur auf Spontanheilung hoffen oder es mit alternativen Verfahren wie Akupunktur versuchen.
Alpha-Liponsäure: Hoffnung für Anosmiker?
Eine Dresdner Studie mit Alpha-Liponsäure gibt nun Anlass zur Hoffnung. Bisher wurde der Wirkstoff zur Behandlung von Diabetes angewendet. Innerhalb von vier Monaten konnte nun das Riechvermögen bei zahlreichen Patienten unter Alpha-Liponsäuregabe entscheidend verbessert werden.
Die Pilotstudie mit Alpha-Liponsäure wurde mit Patienten durchgeführt, die nach einer Grippe nicht mehr riechen konnten. Nun möchten die Dresdner Wissenschaftler ihre Ergebnisse in einer Doppelblindstudie, die deutschlandweit durchgeführt wird, wissenschaftlich untermauern. Diesmal auch mit Patienten, bei denen nach einem Unfall die Nervenfasern abgerissen sind. Denn Alpha-Liponsäure fördert das Nervenwachstum. Sie soll helfen, die Riechnerven wieder mit dem Gehirn zu verbinden.
Anosmie – eine häufig vorkommende Erkrankung, für die es nun anscheinend neue Heilungschancen gibt.