Das Heilkräuter-Verzeichnis

Typhus und seine Folgen


Wie bei der Blatternkrankheit die Blattern, die Geschwüre nach außen dringen, so bilden sich beim Typhus Geschwüre nach innen. Je nach dem Sitze dieser Krankheit spricht man von Kopftyphus und von Unterleibstyphus. In manchen Erkrankungsfällen setzen sich zwar Geschwüre an; sie kommen aber nicht zur Entwicklung, wie es ja auch z. B. Blutgeschwüre gibt, welche eine zeitweilige Entzündung zeigen, dann aber wieder gänzlich verschwinden. Diese Art Typhus hat einen eigenen Namen, auf den bei Landleuten aber nicht viel ankommt. Ich lasse ihn deßhalb weg.

Was die Heilung betrifft, so hat man vor Allem ein Dreifaches zu merken: für's Erste, daß man die Fieberhitze nicht zu weit kommen lasse, es könnte sonst alle Kraft und aller Saft des Körpers elendiglich verbrannt werden; für's Zweite, daß die Geschwüre, wenn schon solche vorhanden sind, ich sage am besten aufgelöst werden, oder daß, wenn sich noch keine Geschwüre gebildet haben, der Bildung derselben vorgebeugt werde, mit andern Worten, daß der die Geschwüre füllende Giftstoff ausgeleitet werde; für's Dritte, daß dieser Giftstoff möglichst schnell seinen Abschied aus dem Körper erhalte.

Kein Mittel wird sich zu dem dreifachen Zwecke tauglicher erweisen und sicherer als das Wasser: es kühlt, es löst auf, es wäscht aus.

Johann ging zur Beerdigung seines Bruders, der am Typhus gestorben war. Unvorsichtiger Weise zog er ein Kleidungsstück des Verstorbenen an, und nach wenigen Tagen erfaßte auch ihn der Typhus im höchsten Grade. Groß war die Hitze, noch größer die Bangigkeit. Neben die Bettlade hatte sich Johann rasch eine Wasserkufe stellen lassen. Sobald die Hitze und die Bangigkeit recht fühlbar wurden, ging der Kranke in's Wasser auf höchstens eine Minute (Halbbad). Er setzte sich in die Kufe, so daß das Wasser bis in die Magengegend reichte, wusch schnell mit einem groben Handtuche den Oberkörper, zog rasch, ohne abzutrocknen, ein frisches Hemd an und legte sich wieder in's warme Bett. Drei Tage that er also, jeden Tag drei- bis fünf- oder sechsmal. Eine Uhr hatte er zu diesem Zwecke nicht nöthig. Die Fieberhitze war ihm die Badeuhr: den ersten Tag zeigte sie auf 6, den zweiten auf 3, zuletzt auf ein einmaliges Eintauchen. In 5 Tagen war alle Gefahr vorüber. Doch jetzt ergriff der Typhus die Frau des Genesenden. Sie wandte dieselbe Kufe, welche der Mann gebraucht hatte, als Badewanne an. In wenigen Tagen war auch bei ihr das Uebel geheilt.

Das Getränk beider Kranken bildete das Wasser, auch gestandene (geronnene) Milch. Gegessen wurde gar nichts, bis geweckter Appetit eintrat. Dann spazierte bei den armen Leutchen aus: Brodsuppe, Milchsuppe, Brennsuppe (Mehlsuppe oder aus Getreidegrütze, Grütze bezeichnet einen gröberen Mahlgrad des Getreides), auch ein Kartöffelchen, selbst zwei schadeten nicht im Geringsten. Nach wenigen Tagen erfolgte die Rückkehr zur gewöhnlichen Kost.

Max, ein halber Riese, besuchte den am Typhus erkrankten Schwager Johann; er glaubte, so eine Krankheit könne ihm nichts anhaben. Nach acht Tagen indessen bricht die Riesenkraft, und der Heldenmuth macht sich Luft in Jammertönen. "Ich kann nicht mehr gehen, nicht mehr stehen; mich drückt's, und nach allen Seiten thut's mir weh." Er hat den Typhus gefangen.

Eine Badewanne besaß Max nicht, wohl aber ein größeres Holzgefäß. Da kniete er hinein und wusch sich mit einem rauhen Handtuche und dem kältesten Wasser (in circa einer Minute, den ganzen Körper, so oft die Hitze einen hohen Grad erreichte (Halbbad).

Acht Tage setzte er diese Kur fort. Nach 6 Tagen verlangte er schon nach der Suppe; nach 10 Tagen stand er auf und hatte in kurzer Zeit die verlorenen Kräfte wieder erlangt. Der Genesene ward später andern gleichfalls an Typhus Erkrankten ein kundiger Lehrmeister.

Zu einer Zeit, in welcher innerhalb 5 Wochen ungefähr 20 Personen durch die oben beschriebenen Anwendungen geheilt und gerettet wurden, erbte auch ein zweijähriges Kind den Typhus. Niemand hatte geglaubt, daß das zarte Geschöpflein dem Tode entrinnen würde. So oft es recht jammerte und weinte, tauchte es die Mutter bald in etwas (durch warmes Wasser) gemildertes Wasser, mit folgender Abwaschung, oder sie wickelte das Kleine in Linnen ein, welches in lauwarmes Wasser getaucht war. Nach 12 Tagen war das kleine Wesen wieder frisch.

Solchen Kranken, die leicht ein erstes Erschrecken ganz von dem kalten Wasser abwendig machen könnte, gestatte ich sehr gerne gemildertes, etwas gewärmtes Wasser zu den Anwendungen, lediglich aus dem soeben angegebenen Grunde. Immer bleibt im Allgemeinen das frischeste Wasser das zur Anwendung beste, sei es Brunnen-, Bach- oder Quellwasser.

Ein Mädchen wird aus dem Institute heimgeschickt. Es klagt über heftiges Kopfweh, raschen Wechsel von Hitze und Kälte und ziemlich starkes Abweichen (Durchfall). Zum Arbeiten Gehen ist das Kind unfähig.

Am ersten Tage wusch man der Kranken dreimal Rücken, Brust und Unterleib und band einmal zwei Stunden lang ein nasses Handtuch auf den Unterleib. Den zweiten Tag nahm sie Halbbäder mit Waschung des Oberkörpers, so oft die Hitze dieses verlangte. Am dritten Tage genügten bereits zwei, am vierten ein solches Halbbad. Das Kind war außer Gefahr und schnell wieder frisch.

Mehr denn ein Dutzend Fälle könnte ich aufführen, in denen Kranke, die nach allopathischen (schulmedizinischen) und anderen Methoden behandelt wurden, schließlich so armselig, so blut- und säftearm, so aufgezehrt wurden, daß sie sich gar nicht mehr recht erholten. Die fatalen Betäubungsmittel, das theure Chinin u.s.w. hatten den Magen insbesondere in den miserabelsten Zustand gebracht.

Solchen überaus geschwächten Typhus-Rekonvaleszenten rathe ich gewöhnlich, sie sollen drei- bis viermal im Tage eine kleine Tasse Wermuththee trinken, bald werden Sich reichliche und gute Magensäfte bilden; dann mögen sie sich täglich drei- bis viermal Rücken, Brust und Unterleib kräftig mit Wasser und Essig waschen lassen.

Freilich gehört eine große Entschlossenheit dazu, besonders wenn der Herr Patient der sogenannten gebildeten Kreisen angehört, das allgemein gefürchtete Wasser anzuwenden. Zarten Seelen, welchen diese mit gewisser Vorliebe sogenannte "Roßkur" leise Ohnmachtsanfälle bereiten könnte, gebe ich den Rath, sie mögen einen Schwamm nehmen, ihn in kaltes Wasser eintauchen und sich damit Brust und Unterleib waschen, wie sie jeden Morgen sich Gesicht und Hände waschen. Thun sie dieses nur einen Tag lang, sie werden recht bald die wohlthuenden Wirkungen verspüren und mit Muth und Vertrauen auch ihren Rücken und die anderen Körperteile dem Wasser anbieten.

Wem auch solches zu hart, zu arg und zu mühsam ist, der thue, wie er wolle. Die Folgen hat der Patient selbst allein zu tragen.

Große Angst befällt die Vorsteher einer Anstalt, wenn in einem Hause oder gar in einem Institute so eine ansteckende Krankheit auskommt. Ohne Uebertreibung behaupte ich: Wenn in einem Schlafsaale 10 Kinder liegen, und es bekommt eines den Typhus, sicher wird bei dieser Behandlungsweise mit Wasser kein zweites Kind angesteckt werden. Die Ansteckung geschieht ja meistens durch die ungesunde Ausdünstung des Körpers. Nach unserer Methode aber saugen die nassen Tücher diese ein und ersticken so die Ansteckungsstoffe im Keime. Bei stets erneuerter reiner Luft ist der Athem nicht besonders zu fürchten. Daß die Elemente solcher Kranken stets so schnell als möglich entfernt und, wenn immer thunlich, an separaten Orten ausgeschüttet werden müssen, versteht sich von selbst.

Ein Franzose von Stand schreibt wörtlich: "Während mehrerer Jahre litt ich an Rheumatismus und hatte einen sehr starken Nasen- und Rachen-Katarrh, der mir die eustachische Röhre angriff und dadurch das Gehör beschädigte.

In den Jahren 1877 und 1878 nahm ich während zweier Monate Douchen (Duschen) von Schwefelwasser in Aix-les-Bains in Frankreich, aber ohne den geringsten Erfolg.

Im Jahre 1879 rieth man mir, den Lebenswecker von Baunscheidt zu probiren; ich folgte diesem Rath und unterzog mich 5 bis 6 Wochen lang einem wahren Martyrium; denn jede Woche setzte man mir diesen Lebenswecker* auf den ganzen Rücken, in's Genick und hinter die Ohren. Dieses brachte die schöne Wirkung hervor, daß mein nervöser Zustand und mein Katarrh wenigstens um die Hälfte zunahm!

Lebenswecker* = Eine Walze mit rund 30 feinen Stahlnadeln fügt der desinfizierten Haut zahlreiche kleine Stichwunden zu. Meist wird über den Nacken den Rücken entlang gerollt. Danach reibt man hautreizende Öle oder Pasten in die Einstichstellen und legt einen Verband an. Innerhalb von zwei bis fünf Tagen entzündet sich die Haut und bilden sich kleine Eiterpusteln. Das nach Baunscheidt benannte Verfahren soll krankheitserzeugende Stoffe über die Haut und ihre Reizung ausleiten helfen.

Im Juli 1879 ging ich zum besten Ohrenarzt in Straßburg; auch dieser fand kein Mittel, meinen Nasen- und Rachenkatarrh zu beseitigen. Da mein Gehör krank war und der Katarrh sich immer mehr fühlbar machte in der eustachischen Röhre, so suchte ich überall nach einem Arzt, der mir helfen sollte. Durch eine besondere Gelegenheit kam ich nach Aachen, wo Dr. Schw. (Kehlkopfarzt) mir angerathen wurde. Dieser versuchte, binnen 3 bis 4 Wochen mich zu heilen durch Aetzen mit Höllenstein (Stäbchen aus Silbernitrat + Kaliumnitrat kommen als "Höllenstein" zum Einsatz, beispielsweise zum Entfernen wuchernden Gewebes oder zum Verätzen von Warzen). In der dritten Woche bekam ich den Typhus, wie ich meine, in Folge der allzugroßen Nervenreizung, welche das Aetzen des Höllensteins mir verursachte. Es war der schlimme Fleckentyphus, der mich so heftig angriff, daß ich 41,2 Grad Fieber bekam. Als Blutungen eintraten, verzweifelte man an meiner Rettung. Von den vielen Einspritzungen verschiedener Giftmittel will ich hier gar nicht reden.

Nach 6 Wochen kam ich wieder zum Leben zurück, aber eine vollständige Genesung trat nicht ein. Seit dem Typhus (Spätjahr 1879) war ich in einem fortwährend leidenden Zustande; Magen und Unterleib waren sehr angegriffen. Die leichtesten Speisen thaten mir wehe, und Stuhlgang hatte ich nie ohne Klistier. (Mit einem Klistier oder Einlauf kann man den Enddarm reinigen und leeren.) Ich war so reizbar, daß ich mir bei der geringsten Aufregung nicht zu helfen wußte. Nie konnte ich vor 12 Uhr Nachts zur Ruhe kommen. In Folge des Typhus hat auch mein Katarrh und die Ohrenkrankheit sehr zugenommen. Fast war ich taub geworden.

Im Jahre 1880 ging ich nach Paris zu dem berühmten Ohrenarzt Dr. D. - ohne Erfolg. Von Paris ging ich nach Lyon zum Ohrenarzt Dr. J. Alles ohne den geringsten Erfolg.

Alles Inhaliren, alles Aetzen, das ich wieder während 5 bis 6 Wochen anwandte, half nichts. Im Jahre 1881 brachte ich 5 Monate im Spital zu Straßburg zu. Der Arzt wollte vor Allem den Magen und Unterleib heilen. Aber man wußte mir schließlich nichts weiter zu verordnen, als eine Milchkur, mit der ich vier Jahre lang erbärmlich durchkommen musste. "

Soweit der Kranke, der, als er bei mir ankam, nur noch einer wandelnden Leiche glich. Mag wohl das Wasser in solchen verzweifelten und veralteten Fällen noch Hilfe, wenigstens Linderung bringen?

Wir antworten mit einem kühnen "Ja". Die ersten Anwendungen müssen selbstverständlich auflösender Natur sein und besonders auf Kopf und Füße wirken. Nebenbei muss auf Auflösung im Innern eingewirkt werden. Auch stärkende Anwendungen können dazwischen hineinfallen. Die Anwendungen waren der Reihe nach ungefähr folgende: Kopfdampf, 24 Minuten lang, mit darauf folgendem Ober- und Unterguß, Fußdampf, Ober- und Unterguß, kurzer Wickel, Kopfdampf, Ober- und Unterauffchläger, kurzer Wickel, warmes Bad mit einem Wechsel in's kalte Bad (1 Minute), Kopfdampf, Ober- und Unteraufschläger. Auf jeden Tag fiel ein oder (je nach Befinden des Patienten) zwei Uebungen. So wurde 3 bis 4 Wochen lang fortgefahren. Darauf folgten einige Zeit hindurch wöchentlich noch zwei Ganzwaschungen, am bestem Nachts vom Bette aus, außerdem jede Woche ein kaltes Halbbad, ein bis zwei Minuten lang. Nach innen beschleunigten die Heilung zwei bis drei verschiedene Thee, die abwechselnd genommen wurden.

Die Theen bestanden aus Mischungen von Schafgarbe, Salbei, Johanniskraut, drei- bis viermal in der Woche eine Tasse; von Wacholderbeeren, Spitzwegerich (ebenso genommen).

Zwei Bemerkungen erachte ich an dieser Stelle noch für angebracht. Bei unserem Falle war besonders auf reichliche Transspiration (Schwitzen) zu sehen, da viele der im Krankenbilde erwähnten Störungen, wie die verzerrten Gesichtszüge und die aufgedunsene, schwammige Masse, klar auf Anstauungen und Verhärtungen schließen ließen, die zum Theil nach außen sichtbar zu Tage traten, zum Theil versteckt im Innern lagerten.

Bei den Anwendungen findet sich der Fußdampf nur einmal, der Kopfdampf öfters. Warum das? Der Kopf war aufgedunsen, die Füße der Hünengestalt spindeldürr. Auf den Kopf durfte der Dampf, ohne Schaden fürchten zu müssen, wiederholt wirken - er fand sein Arbeitsfeld. An den Füßen war nichts zu thun, sie waren schon mager genug, und die verlorene Wärme an denselben musste durch andere Mittel wieder hergestellt werden. In derlei Fällen läßt sich mit den Dämpfen, die stets Vorsicht erheischen, nicht spassen. Bis zur Schwindsucht haben derlei geschwächte Naturen ohnedieß nur einen Schritt.

Der Herr schied mit großem Danke und in sichtlicher Besserung.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
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