Das Heilkräuter-Verzeichnis

Rheumatische Zustände


Wer möchte es versuchen, all' die verschiedenen rheumatischen Zustände aufzuzählen, über die man klagen hört! Den Einen quält der Schmerz im Kopfe, den Anderen in den Zehen, Diesen im Arme, Jenen in den Beinen, sie auf dem Rücken, ihn auf der Brust u.s.w. Der Rheumatismus ist wahrlich weit verbreitet.

Der arbeitsame Bauer, der Holzhacker, alle Diejenigen, die recht angestrengt arbeiten, wissen weniger, an manchen Orten nichts von dieser Krankheit, nach meinem Dafürhalten deßhalb, weil diese Leute oft in der einen Stunde Rheumatismus bekommen, in der anderen ihn bereits wieder vertrieben haben. Es zeigen sich vielleicht die Anfänge am Morgen, Nachmittags dagegen arbeiten sie dieselben wieder hinaus.

Letztere Beobachtung gibt uns klare Winke, wie Rheumatismus geheilt werden kann und soll.

Ein Thierarzt jammerte mir einst vor, er sei unfähig, seinem Berufe weiter vorzustehen; ein abscheulicher Rheumatismus habe sich wie eine Katze in sein rechtes Schulterblatt eingekrallt. Schwitzend sei er unkluger Weise in die Kälte gekommen, und er wisse recht gut, er werde, wie jedes mal, diese lästige Katze 6 Wochen lang zu tragen haben.

"Wenn Sie wollen, Herr Thierarzt," entgegnete ich ihm, "so sind Sie in 24 Stunden frei; ich werde meinen Hund auf Ihre Katze hetzen." Er lachte, und es gab eine kleine Wette. Mit Manneswort und Handschlag versprach er indessen, genau zu thun, wie der gestrenge Herr befehle. Er ging heim und ließ sich von seiner Frau den Rücken zuerst kräftig trocken reiben, dann einen kalten Oberguß appliziren. Nach ungefähr 8 Stunden nahm er einen Kopfdampf mit darauffolgendem kalten Guß (Kopfguß). Die 24. Stunde hatte noch lange nicht geschlagen, die Katze war längst über alle Berge, und die Wette war gewonnen. - Von trockenem Reiben wurde dieses Mal gesprochen, was doch sonst nie vorkommt!

Ja, und der Grund ist folgender:

Entsteht der Rheumatismus in Folge raschen Wechsels von der Kälte in die Wärme und umgekehrt, so sind die Schmerzen, die zuweilen nur auf der Oberfläche der Haut, zuweilen aber auch tief im Innere, ja, wie man meinen könnte, im Marke der Knochen wurzeln, meist zurückführen auf Störungen in der Emulation des Blutes, sei es nun ein langsameres oder rascheres Tempo des Blutlaufes, seien es Blutstauungen oder kleine Entzündungen an der betreffenden Stelle. Die dadurch entstandenen Reibungen, Pressungen u.s.w. verursachen den Schmerz und müssen durch Auflösung, Ausleitung und Stärkung der leidenden Theile entfernt werden. Wenn der Taktstock allein die Sänger nicht mehr im richtigen Tempo halten will, dann fuchtelt der Gesangmeister noch mit der freien Hand, mit dem Kopfe, den Ungelehrigen zu. Wenn die Gans oder Ente sich in die junge Hühnerfamilie mischt und das "Gehscht weg, du ..." der Futterbringerin nichts helfen will, dann wirft sie einen Stein nach der dummen Gans oder Ente. Wenn der Rheumatismus tief sitzt, schon länger währt, besonders schmerzt und weit ausgedehnt ist, so rufe ich zum Wasser noch die Reibung zu Hilfe. Sie entwickelt rascher Wärme und bewirkt eine schnellere Verteilung des Blutes u.s.w. Wäre die kranke Stelle etwas kühl, und würde ohne Weiteres, ohne vorherige Erwärmung ein Guß darauf kommen, so wiche der Rheumatismus wohl etwas weiter im, aber nicht aus dem Körper.

Ein Bauer bekam so heftige rheumatische Zustände in beiden Füßen, daß er nicht mehr gehen konnte; am meisten schmerzten ihn die Schenkel. Der Mann wußte nicht, wie er zu dem Uebel gekommen war. Der Bauer wickelte sich täglich zweimal von unter den Armen an ganz in ein Tuch ein (Unterwickel), das in heißen Heublumenabsud eingetaucht war, und legte sich jedesmal zwei Stunden in's Bett mit guter Zudecke. Zehn solcher Anwendungen nuckelten den Rheumatismus vollkommen aus und ab.

Ein anderer Bauer konnte vor lauter Schmerzen in den Hüften gar nicht eingewickelt werden. Er wurde in ein Haberstrohbad (Haferstroh) mit 33 bis 35° Reaumur = 40 bis 42° Celsius und mit dreimaligem Wechsel ins kalte Wasser (1 Minute) gesetzt, täglich zweimal, je 25 Minuten lang. In 3 Tagen war er geheilt.

Fälle von Kopfrheumatismus könnte ich eine Unzahl nennen. Sie wurden am leichtesten dadurch entfernt, daß man möglichst wenig am Kopfe selbst, dagegen warme Bäder und Dämpfe an den Füßen anwandte. Kommt man dem Kopfe mit Kälte, so wird's ärger; kommt man mit Wärme, so strömt noch mehr Blut zu. Die Reihenfolge der besten Anwendungen wäre etwa folgende:

Das warme Fußbad (mit Asche und Salz), die Ueberlegung eines Shawls, der Fußdampf, der Kopfdampf mit kaltem Abguß (Kopfguß) und wieder der Shawl.

Diese Anwendungen, täglich eine derselben, heilen den stärksten Kopfrheumatismus, der gewöhnlich durch Zugluft, Verkühlung und sehr oft durch zu raschen Wechsel von Hitze und Kälte entsteht.

Kein Rheumatismus darf vernachlässigt werden, ein jeder könnte der Anfang zu vielen und schweren Krankheiten sein: zu Krankheiten der Lungen, der Augen, Ohren, zu Entzündungen, Blutvergiftung, zu Geschwüren u.s.w.

Ein Student, der ziemlich viel getrunken hatte und in diesem Zustande in die kalte Luft gekommen war, bekam plötzlich Rheumatismus auf der Brust. Er meinte, seiner Jugend und seiner Tapferkeit könne so etwas nicht schaden; die "leidige Geschichte" werde sich von selbst wieder verlieren. Aber es wurde für die Eltern und deren Angehörige eine leidvolle Geschichte. Es entstand trockener Husten, der schnell einen bösartigen Charakter annahm. Nach 2 Monaten war das blühende und hoffnungsvolle Leben ausgelöscht. Hätte der junge Mann nur täglich vier- bis fünfmal Brust und Unterleib mit kaltem Wasser kräftig abgewaschen, in 1 bis 2 Tagen wäre die Brust frei und der Arme außer aller Gefahr gewesen.

Anna Maria, die viel und streng arbeiten musste, erhielt rings um das Knie herum eine Geschwulst. Sie beachtete dieselbe mehrere Wochen gar nicht und machte später, als sie heftig schmerzte, in ihrem Unverstande dichte kalte Umschläge. Das Knie wurde nicht besser, sondern schlimmer, und sie befragte einen Arzt. Dieser gab eine Salbe zum Einreiben, die indessen ohne Wirkung blieb. Zu allem Unglück bog sich der Fuß unter dem Knie am Schienbein einwärts. Um die Steifheit zu verhindern, verordnete der Arzt, während 14 Tagen jeden Tag den Fuß mit Schweinefett kräftig einzureiben, später mit Karbolsäure zu waschen. Das Knie wurde immer schlimmer. Zuletzt wandte er einen Gipsverband an und verhieß der Kranken, nach dessen Wegnahme könne sie sicherlich gehen. Nach 9 Wochen wurde der Gipsverband weggenommen; aber die arme Magd konnte auf dem Fuße weder stehen noch gehen. Dieser elende Zustand währte fort bis vor wenigen Wochen.

Derlei Verhärtungen an und um die Knochen können nur aufgelöst werden durch längere Zeit fortgesetzte Ueberschläge (Wicklungen oder Aufschläger) mit geschwellten Heublumen, die stets ganz warm aufgelegt werden. Oft die Auflösung geschehen, so wird das Blut auch wieder nach diesen Theilen dringen, dieselben nähren, und die Kraft wird wiederkehren.

Nach achttägiger Anwendung besagten Umschlages konnte die Kranke bereits auf dem Fuße Stehen. In 8 bis 10 Wochen konnte sie auch wieder gehen.

Ein Herr von Stand kommt und erzählt: "Ich bin vom Kopf bis zum Fuß voll von Rheumatismen und Krämpfen, habe beständig Katarrh (Schleimhautentzündung), bald schwächer, bald stärker, ich mag im Zimmer oder im Freien sein; ich weiß mir nicht zu helfen. Ich bin meistens fast ohne Schlaf, ohne Appetit, und wenn ich nicht besser werde, muss ich in Kürze mein ganzes Berufsleben einstellen. Ich trage schon lange ein Jägerhemd und ein Jäger-Unterbeinkleid (warm angezogen). Ueber dieses Jägerhemd trage ich ein zweites Hemd von Wollbarchent (Baumwollgewebe), dem stärksten Stoff, den ich bekommen konnte. So trage ich auch noch eine zweite Jäger-Unterhose vom stärksten Wollstoff, dann ein Gilet von Tuch mit dickwollenem Unterfutter, auch eine Burkinghose, endlich einen Rock und einen Ueberwurf. Mein ganzer Körper ist vorherrschend kalt und wie mit Theer von übelriechendem Schweiß bedeckt. Es kann kaum noch ein unglücklicheres Geschöpf geben, als ich bin." Nun zur Wasserkur!

Zuerst wurde ein Oberguß genommen und die schmierige Haut abgewaschen, ebenso Knieguß mit Waschungen. So wurde drei Tage täglich zweimal diese Anwendung vorgenommen. Am dritten Tage wurde das Jägerhemd und die Jägerhose entfernt und gleich darauf ein Halbbad und eine Stunde später ein Oberguß genommen. Am fünften Tage wurde die Doppelunterhose ausgetauscht mit einer leinenen. Am siebenten Tag wurde das Hemd mit einem leinenen ausgewechselt, und so wurde auch das mit Aermeln versehene Gilet entfernt; dann wurden täglich zweimal Oberguß und Unterguß im Wechsel mit Halbbädern genommen. Nach 14 Tagen war der ganze Organismus von jedem Rheumatismus und Krampf frei; die Haut transspirirte wie bei einem Gesunden, Schlaf und Appetit stellten sich vortrefflich ein, und der gute Herr freute sich, wieder neu hergestellt, am Schluß der Ferien seine Berufstätigkeit wieder aufnehmen zu können. Ueber das Ganze äußerte er sich mit folgenden Worten: "Hätte ich mein kleines Uebel, meinem eigenen Urtheil folgend, so verschlimmert, könnte ich mir nur gram sein. Doch ich that nichts ohne Anleitung der berühmtesten Aerzte."

"Mein ganzer Oberkörper," berichtet Jemand, "ist voll Rheumatismus; an der rechten Seite im Oberkörper bin ich gar nie ohne große Schmerzen, und läßt der Schmerz etwas nach, dann kommt er auf eine oder auf beide Schultern. Ich werde dann so steif, daß ich die Schultern nicht mehr zu rühren vermag; kommt aber der ganze Schmerz auf den Magen, dann ist es, wie wenn sich Alles umdrehe; ich kann dann auch gar nichts essen. Am allerärgsten aber ist der Schmerz am Hintertheil des Kopfes, besonders auf der linken Seite. Die Füße werden mir gar nicht mehr warm. So ist mein Leben recht elend, und ich kann meinem Berufe gar nicht nachkommen. Für das, was ich verbraucht habe an ärztlichen Mitteln und sonstigen Medikamenten, habe ich eine große Summe aufgewendet; geholfen hat mir gar nichts. Seit mehr als einem Jahre trage ich auf Befehl eines Arztes Wollhemden, bin aber dadurch noch viel empfindlicher geworden."

Die Anwendungen waren: 1) In der Woche dreimal ein grobes Hemd anziehen, 1,5 Stunden lang, in Wasser getaucht, in welchem Heublumen gesotten wurden (Nasses Hemd). 2) Zweimal in der Woche ein Wickel von unter den Armen an bis ganz hinunter (Unterwickel), das Tuch ebenfalls in warmes Heublumen-Wasser getaucht. 3) In der Woche zweimal in der Nacht vom Bett aus ganz waschen mit kaltem Wasser und, ohne abzutrocknen, gleich wieder in's Bett. So 14 Tage lang, dann als weitere Anwendungen: 1) Täglich ein Oberguß und Knieguß. 2) Täglich Wassergehen, 2 bis 4 Minuten lang, dann Bewegung. 3) Zweimal in der Woche ganz waschen.

Nach 4 Wochen war der Patient von seinem Leiden frei und nimmt jetzt noch in der Woche 2 Halbbäder.

Ein Vorstand einer öffentlichen Lehranstalt erzählt:

"Ich leide fast Unsägliches an meinen Armen, Schultern und Füßen; bald bin ich wie in Rheumatismen gewickelt bald sind wieder einzelne Stellen um so empfindlicher, wenn der Schmerz von andern gewichen ist. Athemnoth besteht fast fortwahrend, oft so stark, daß ich fürchte, zu ersticken; zudem leide ich auch an Congestionen (Blutandrang) und habe so selten eine frohe Stunde.

Ich wurde magnetisirt, electrisirt und gebrauchte vieles Andere - ohne Erfolg - Die Wasserkur hat mir in 10 Tagen allen Schmerz genommen und von meinem Leiden fühle ich nur noch unbedeutende Spuren. Ich habe die Ueberzeugung, eine Fortsetzung von leichteren Anwendungen wird mir auch den letzten Rest nehmen."

So der Kranke.

Die Anwendungen waren: Täglich ein Oberguß und zwei Schenkelgüsse, am zweiten Tag der spanische Mantel; vom vierten Tag an ein Halbbad täglich, statt Oberguß, und einmal wöchentlich Kopfdampf.

Ein Mann, 46 Jahre alt, erzählt: "Irgendwo habe ich immer Schmerzen, entweder auf der rechen Seite oder oben auf der Schulter. Es bleibt der Schmerz nie lange an einer Stelle; kommt aber das Leiden in den Kopf, dann bin ich voll Schwindel:

Aus dem rechten Auge läuft viel Wasser herauf, fährt mir aber der Schmerz in den Fuß hinunter, dann wird dieser ganz steif; kommt er mir auf die Brust, dann weiß ich kaum mehr zu athmen. So leide ich schon Jahre hindurch und habe, wenn auch nur auf kurze Zeit Erleichterung, doch nie Hilfe gefunden."

Dieser Kranke wurde in 5 Wochen geheilt durch folgende Anwendungen:
1. In der Woche dreimal einen kurzen Wickel, 1,5 Stunden lang;
2. viermal in der Woche ganz waschen vom Bett aus;
3. zweimal den Oberguß; so 14 Tage lang.

Dann:

1. einmal den kurzen Wickel,
2. zweimal die Ganzwaschung,
3. jeden Tag Oberguß und Knieguß.

So geheilt nahm der Patient als zeitweilige Fortsetzung der Kur, sowie zur Erhaltung seiner Gesundheit jede Woche ein Halbbad und zweimal Oberguß und Knieguß.

 

Letzte und nächste Einträge

 

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis - Behandlungsmethoden nach Pfarrer Kneipp

 

Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!