Das Kräuter-Verzeichnis


Kopfleiden (eigener Art)


Ein Herr von hohem Stande hatte ein Kopfleiden ganz eigener Art. Es begann regelmäßig Morgens 7 Uhr, dauerte bis Abends zum Sonnenuntergang und war derart schmerzlich, daß der Herr nicht einmal leichte Sachen lesen, viel weniger die Schreibereien seines Berufes besorgen konnte. Zur Nachtzeit fühlte er keine Spur von diesem Schmerz; dieser war wie weggeblasen, vorausgesetzt, daß er nicht geistig sich angestrengt hatte. Die Schmerzstelle befand sich an der Stirne links und hatte den Umfang ungefähr eines silbernen Fünf-Markstückes. Die Schmerzen griffen nicht den Kopf allein, sondern auch den ganzen Körper dergestalt an, daß der Herr zusehends abnahm; mit dem frischen Aussehen wich auch die Kraft. Die berühmtesten Aerzte wurden um Rath gefragt, auch eine Wasserheilanstalt war schon besucht worden, aber ohne sichtlichen Erfolg. Da sandten die Aerzte den Patienten zum letztem Versuch nach Meran, und von da kehrte derselbe, wie es schien, glücklich geheilt in die heimatliche Großstadt zurück.

Seine Angehörigen begrüßten ihn mit Jubel und freuten sich innig seiner Genesung. Doch am andern Morgen Punkt 7 Uhr kehrte der alte unheimliche Gast wieder und faßte Posto an der früheren Leidensstelle. Ein Ach und Weh war im ganzen Hause, und guter Rath war theuer. Bekannte erinnerten den Herrn noch einmal an's Wasser, und zuletzt entschloß man sich zu einem Versuche. Der hohe Herr sah recht krank aus und war ziemlich abgemagert. Nachdem er sein Leiden geschildert, bemerkte er noch, er sei selten ohne Katarrh und besitze auffallend wenig Naturwärme. Man wolle all Dieses einem viele Jahre früher erlittenen Unfälle zuschreiben. Sei dem, wie ihm wolle, so schloß er ab, ich kenne jetzt seinen Zustand und solle ihn heilen.

Das üble Aussehen, die schwache Naturwärme, die daraus folgende Empfindsamkeit gegen den Wechsel der Atmosphäre, das Abmagern, alle diese Symptome traten als ebenso viele vollgültige Zeugen auf, welche nicht den schmerzenden Fleck am Kopfes sondern
die ganze kranke Natur, den ganzen entkräfteten Körper anklagten. Darnach richtete ich mein Verfahren ein. Auf den Gesammtorganismus wurde eingewirkt und das lokale Kopfleiden nicht einer Anwendung gewürdigt. Die einfachen Abhärtungsmittel mit einigen Waschungen, wie sie im ersten Theil aufgezählt werden, bewirkten die Heilung, d.i. die gleichmäßige Transpiration der Haut, die richtige Emulation des Blutes, gute Verdauung und damit die Hebung der Naturwärme, besseres Aussehen, völlige Gesundung. Immer die alte Geschichte, und doch kann man sie nie genug von Neuem erzählen!

Wie richtig mein Urtheil bezüglich des Kopfleidens war, bewies der Erfolg. In circa sechs Wochen erfreute sich der ganze Körper des besten Wohlseins. Auch das gefürchtete Stirnleiden brachte die 7 Uhr-Stunde nie wieder. Dessen Heilung hat das Wasser (wie gesagt, ohne jede Anwendung auf diese Stelle) bei Heilung des Gesammtkörpers umsonst obendrein gegeben.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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