Das Kräuter-Verzeichnis


Gicht


Wer zur Herbstzeit in's Allgäu kommt, sieht da und dort die Leute ihren Dünger ausbreiten. In neuerer und neuester Zeit haben sie auch eine neue Methode angenommen, die jedem wahren Landwirth die Galle kitzelt, das Blut aufrührt und in Wallung bringt. Sie vertheilen dem hungrigen Boden die Nahrung nicht mehr gleichmäßig wie früher, sondern mit einem nie gesehenen Schlendrian werfen sie auf's Gerathewohl der einen Scholle zwei bis drei Portionen hin, die andere lassen sie für ein neues, ganzes Jahr fasten. Die ganze Arbeit gleicht dem leidigen Spiele von Maulwürfen. Das muss ja im Frühjahr faule Moräste abgeben, auf denen die Wucherstellen die übel angebrachte Verschwendung zeigen, daneben armselige und verkümmerte Habenichtse, die in Folge der stiefmütterlichen und ungerechten Behandlung auch nichts in die Scheunen tragen.

Dieses Bild paßt mir vortrefflich für die Gichtkrankheit.

Was dem Acker und der Wiese der Dünger, das ist dem Menschen die Nahrung. Ob da in all den verschiedenen Ständen und Lebenslagen Ungleichheit herrscht? Dem Einen wird's täglich und stündlich im Ueberflusse zugeworfen; ein Anderer hat jahraus jahrein Quadragesimalzeit. "Was für eine Mahlzeit?" fragte einmal Einer. Nicht 40-, sondern 365tägiges Fasten ! Wenn nun Jemand täglich und stündlich seinem Felde (seinem Körper) zu viel, so viel zuführt, daß die Natur es nicht bewältigen, die Organe es nicht verarbeiten und verwerthen können, was muss die Folge sein? Die Knochen z.B. brauchen zu ihrem Bau Schwefel und Kalk. Nun aber wird in kräftigen und starken Speisen vielleicht soviel Baumaterial eingeführt, daß es zu zwei, zu drei Körper-Neubauten ausreichte. Was wird, was muss geschehen? Da bilden sich Moräste (dickes Blut), dort Sümpfe (schlechte Säfte), um die Knochen herum Sand- und Schutt- und Kalk- und Steinhaufen.

Die Knöchel schwellen an, entzünden sich, und es ist eine langdauernde, entsetzliche Qual, bis diese verknorpelten und verknöcherten Gichtknoten durch den Schmerz selbst gleichsam verbrannt und anders entfernt sind. Und so arg das Leiden, so gering oft das Mitleiden mit so wohlbehäbigen Podagranern (Schlemmern). Es ist nicht ganz christlich, aber manchmal sehr erklärlich. Die Leute sagen: "Er hat das Genießen gehabt; er habe nun auch die Schmerzen, die Folgen des übermäßigen Genusses." Indessen können auch arme Leute von der Gicht heimgesucht werden, ja selbst die Aermsten.

Einmal stellte sich mir ein armer und überaus fleißiger Dienstbote vor; er bekam die Gicht im höchsten Grade. Ursache war bei ihm, daß er aus lauter Diensteifer die Pflege des Körpers vernachlässigt hatte. Ein windbrüchiger Blasbalg arbeitet den Blas, die Luft, nicht in die Orgelpfeifen, sondern zu den Löchern hinaus. Geschwächte, halbkranke Organe schaffen, arbeiten oftmals statt am Fleisch an der Geschwulst, statt am Bein am Ueberbein.

Weitere Ursachen können sein: allzugroße Anstrengung, Vernässung, Erkältung u.A. Gicht im hohen Grade quält viele, Gicht im geringeren Grade unzählige Menschen. Sie quält die Einen an den Zehen, die Andern im Kopf, Viele am Aeußern, Viele im Innern des Körpers.

Einfache, noch nicht allzusehr geschwächte Leutchen, die gerne folgen und nicht den Flohstich spüren, heile ich recht gerne und meistens sehr leicht. Bei den Podagranern der ersteren und vornehmeren Gattung gebe ich mich nie Täuschungen hin. Sie sind mir ein Kreuz und mit Wasser meistens nicht zu heilen; denn sie folgen nicht, weil sie bereits unter dem Doppeljoche der Verweichlichung und der Wasserscheu seufzen; heilbar wären sonst auch sie wie die anderen Gichtkranken.

Ein Herr von Stand litt seit vier Wochen an heftigen Fußschmerzen. Seine Bekannten nannten ihn scherzhaft ein weiteres Mitglied der Bruderschaft der Podagraner. Schwitzen kurirte ihn dieses mal. Doch nach einem Jahre kehrte das Leiden wieder und fesselte ihn zwölf Wochen an's Bett. Es brannte tüchtig, und er schwitzte tüchtig; aber dieses Wasser allein heilte das zweite mal nicht. Er ließ mich befragen und erklärte, er werde Alles thun, was immer verlangt werde, wenn nur diese fürchterliche Krankheit nicht noch einmal wiederkehre. In wenigen Wochen war die Hauptkur vorüber. Wie wenn Wasser auf ungelöschten Kalk kommt und dieser aufschwellt und zerbröckelt, so vergingen die Gichtbeulen unter den verschiedenen Anwendungen. Später wiederholte der Patient von Zeit zu Zeit die eine oder andere Wasserübung, und so viel ich weiß, hat das Uebel seit den letzten Jahren ihn nicht weiter belästigt. Die Anwendungen selbst lerne der geneigte Leser beim folgenden Falle kennen.

Ein Priester sandte zu mir mit der Nachricht, seine Füße brennen ihn wie lebendiges Feuer, er müsse fast verzweifeln, was er doch thun könne. Ich rieth, er solle in heißem Wasser angeschwellte und hernach ausgepreßte Heublumen auf ein Linnen bringen, die schmerzenden Füße mitten drein legen und den warmen Heublumenwickel gut zubinden (siehe: Fußwickel). Nach zwei Stunden solle er die aufgelegten Heublumen von Neuem in den Heublumenabsud eintauchen, auspressen und nochmals umbinden. Ob die Heublumen das zweite Mal lau oder ziemlich kalt oder ganz kalt umgebunden werden, bleibt sich ganz gleich. Der kranke Priester that so die folgenden Tage. Nach dem ersten halben Tage schon waren die Hauptschmerzen entfernt, nach zwei bis drei Tagen war der Kranke ganz frei von Schmerzen.

Fehlen einem Kranken die Heublumen, so siede man Haberstroh (Haferstroh - bekommt man bei jedem Bauern) und tauche die zu umwindenden Fußwickel in den Absud. Auch dieses ist bei unserem Uebel von vorzüglicher Wirkung. Man beachte, wie ich bei diesem Leiden mit Vorzug erwärmend einwirke, vielmehr auflöse.

Vor einer Täuschung muss ich hier warnen. Sobald den Kranken die Füße nicht mehr schmerzen, so meint er natürlich, er sei schon völlig kurirt. Man beginge einen großen Fehler, wenn man jetzt nachgiebig wäre. Den Fußwickeln müssen wenigstens einige Anwendungen auf den ganzen Körper folgen, um wo möglich allen krankhaften Stoff daraus zu entfernen. Am besten dienen während der drei ersten Wochen wöchentlich zwei bis dreimal der spanische Mantel (je 1,5 bis 2 Stunden), im folgenden Monat einige Warmbäder mit Absud von Heublumen oder Haberstroh (Haferstroh) und dreimaligem Wechsel.

Ein Taglöhner hatte sich ein schweres Gichtleiden zugezogen. Er ging wöchentlich dreimal in den Sack (siehe: Kurzer Wickel), den man in heißen Haberstrohabsud eingetaucht hatte; dann wurden ihm in der Woche zwei Fichtenreis-Bäder bereitet von 33 bis 35° Reaumur = 41 bis 43° Celsius mit dreimaligem Wechsel (ins kalte Bad von je einer Minute). Jede zweite Nacht wusch er sich vom Bett aus kalt. Nach drei Wochen war er ziemlich geheilt, benützte jedoch noch für einige Zeit in der einen Woche zweimal den Sack, in der anderen das beschriebene warme Bad. Bald trat er neugekräftigt seinen Dienst an, den er bis heute gut versieht.

Ein Brunnenmacher zeigte mir die Gichtknoten an seinen Fingern und an seinen Zehen. die ihn bisweilen, wie er sagte, unausstehlich brannten, - Gicht durch Vernässung.

Jeden zweiten Tag ein eben beschriebenes warmes Bad, jeden dritten oder vierten Tag die Anwendung mit dem Sack (Kurzer Wickel) haben den Mann in kurzer Zeit gänzlich von seinem Uebel befreit. Die Hände hat er sich über die Nacht in angeschwellte Heublumen eingebunden (siehe: Wicklungen).

Ein armer Hausvater bekam heftiges Gliederreißen. Ob es von der Gicht oder einem anderen Uebel herrührte, wußte er nicht; er fühlte nur entsetzliche Schmerzen, die ihn berufsunfähig machten.

Es war gerade die Heuernte. Ich rieth ihm, er solle aus seinen Heustock gehen, der eben in Gährung sei, dort eine Art Grube in das heiße Heu machen und sich in das heiße Heugrab legen, mit heißem Heu auch sich zudecken, so daß nur mehr der Kopf herausschaue. Er that's und schwitzte in einer Viertelstunde schon dergestalt, daß der ganze Körper wie im Wasser schwamm. Sechsmal innerhalb zehn Tagen stieg der Bauer in so ein Heubad, und es hat ihn gründlich kurirt.

Nicht einem Jeden würde ich solches rathen. Aber nur Derjenige, der es selbst probirt, kennt die große und auslösende Kraft solchen Heudampfes. Recht alte, tief eingewurzelte Uebel können oft durch solchen unschädlichen Dampf ausgeleitet werden. Nach meiner Praxis würde Derjenige diesen Heudampf am wirksamsten brauchen, der unmittelbar vom Dampfbade (siehe: Dämpfe) weg ganz rasch ein kaltes Halbbad nähme mit Waschung des Oberkörpers. Letzteres kräftigt zugleich ungemein.

Das ist nicht so dumm und überspannt, wie Manchem dünken möchte. Das bewiesen neben vielen Anderen einmal besonders zwei hohe Praktikanten. Zwei Herren aus hohem Stande haben sich durch ungefähr fünfzehn solcher Heudampfbäder dermaßen erholt, daß es ihnen unbegreiflich vorkam, wie durch so einfache Mittel, in so einfacher Weise eine Um-, gleichsam Neuschaffung im Organismus zu Stande gebracht werden könne.

Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß schwächere Rheumatismen, Krämpfe, gewöhnlich Ueberreste und Ueberbleibsel nach schweren Krankheiten, leicht durch zwei bis vier solche Heudampfbäder vollständig zu entfernen wären.

Du siehst, mein lieber Landmann, was für Schätze du im Haufe hast! Probir's einmal! Im Sommer, im Heuet, wenn du recht müde bist, wirf ein paar Handvoll Heu oder Heublumen in heißes Wasser und laß es lau werden ! So ein Fußbad von fünfzehn Minuten wird dir die Müdigkeit aus allen Gliedern ziehen.

Und wenn du einmal so ein Reissen oder Brennen verspürst, sei vernünftig! Du gönnst das Heilkraut jeden Tag deinen Vierfüßlern. Laß dessen Heilkraft auch mal deinen eigenen Körper kosten.

Ein Wirth erzählt:
"Ich habe oft so reissende Schmerzen im Kopf, besonders wenn das Wetter anders wird, daß ich unfähig bin, meinem Berufe nachzukommen. Es kommen die Schmerzen in den Rücken, besonders auch in die Oberschenkel; wenn sie aber in die Füße kommen, kann ich nicht mehr gehen. Trinke ich ein Glas Bier, so kommt der Schmerz ganz schnell in den Kopf. Weil ich es schon Monate hindurch so stark habe, ist mir jede ordentliche Arbeit unmöglich, und das Leben wurde mir schon oft recht entleidet."

Die Anwendungen waren folgende:

1) In der Woche zwei warme Haberstrohbäder (Haferstrohbäder), 30° Reaumur = 37° Celsius von einer halben Stunde; darauf kräftig kalt abwaschen oder ein kurzes kaltes Bad (1 Minute).

2) Jeden Tag einen Oberguß mit Knieguß.

3) In der Woche dreimal ganz waschen, so rasch als möglich, im Schweiß oder im Bett Nachts.

4) Täglich am Morgen und am Abend eine Tasse Thee von fünf bis sechs frischen Holderblättern, fein zerschnitten, fünf Minuten lang gekocht.

In vier Wochen war dieser Wirth vollständig gesund, so daß seine Bekannten sein Aussehen als geradezu verjüngt erklärten.

Damit weiterhin diese Krankheit sich nicht wieder einniste, kann er alle Monate ein solches Haberstrohbad nehmen und jede Woche ein- bis zweimal sich ganz waschen im Schweiß oder in der Nacht vom Bett aus.

Ein Gewerbsmann kommt und erzahlt: "Bei mir sind beide Füße stark angeschwollen, ganz steif, und ich bin nie ohne Schmerzen, kann oft nicht eine Stunde in der Nacht schlafen; besonders in den Gliedern ist der Schmerz am heftigsten; meine Arme sind auch ganz steif und thun mir recht wehe; Appetit hätte ich; aber wenn ich esse, treibt es mich aus, so daß ich kaum mehr zu athmen vermag; ich kann fast gar nicht mehr gehen und bin so voll Schwindel, besonders beim Aufstehen, daß ich kaum mehr weiß, wo ich bin. Aerzte habe ich viele gehabt, habe recht viel eingenommen, aber soweit ich urtheilen kann, hat sich meine Lage bei allem, was ich versucht habe, nur verschlimmert; ich habe mir schon oft den Tod gewünscht." Der Betreffende war ziemlich stark und sah mehr einem wohlgenährten Bräumeister gleich als einem Gewerbsmann, obwohl er nur einfache Kost hatte und nicht besonders viel Bier trank. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt. Nach Aussage der Aerzte sollte Herzverfettung die erste Ursache zu diesem Elende sein.

In fünf Wochen war dieser Kranke von seinen vielen Uebeln befreit, und er freute sich, seine Gesundheit wieder vollständig erlangt zu haben. Was hat ihm geholfen?

1) Die Füße wurden zuerst jeden Tag, dann jeden zweiten und später jeden dritten Tag mit Heublumen eingebunden (siehe: Fußwickel), nämlich die Heublumen kamen auf die bloße Haut, ein Tuch wurde darüber gewunden und zwar warm, zwei bis drei Stunden lang.

2) Jeden zweiten und später jeden vierten Tag, musste er ein nasses Hemd anziehen, in Heublumen-Absud getaucht. Als die Geschwulst an den Füßen großenteils verschwunden war, bekam der Kranke jeden Tag einen Oberguß und Knieguß und auch Halbbäder. Dies wurde fünf Wochen fortgesetzt.

 

Letzte und nächste Einträge

 

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis - Behandlungsmethoden nach Pfarrer Kneipp

 

Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


Teilen Sie diesen Beitrag
zum Seitenanfang