Das Kräuter-Verzeichnis


Gelenkrheumatismus, chronischer


Herr Graf N. leidet seit 35 Jahren an Rheumatismus. Im Jahre 1854 gebrauchte er die Bäder in Aachen, damals mit günstigem Erfolge. Im Feldzuge 1870/71 bekam er durch das viele Lagern auf freiem Felde wieder rheumatische Schmerzen am ganzen Körper in hohem Grade; auch dießmal erwies sich eine Badekur in Aachen recht günstig. Bald jedoch traten Rückfälle ein. Patient suchte berühmte Aerzte aus, aber ohne Erfolg; er machte eine Badekur durch in Aibling, später wieder in Aachen; dießmal wurde er indeß durch die dortigen heilen, langdauernden Bäder außerordentlich geschwächt und ganz elend. - Zuletzt, nachdem alles Angewandte fruchtlos gewesen war, entschloß er sich zur Wasserkur.

Am 20. Juni 1887 kam der Kranke nach unmittelbar vorausgegangenem zweimonatlichen Krankenlager hier an mit Rheumatismus am ganzen Körper, in den Fuß- und Kniegelenken, Hand- und Schultergelenken. Der rechte Arm war von den Fingern bis über den Ellenbogen dick aufgeschwollen, die Gelenke ganz unbeweglich; die Kniee, ebenfalls geschwollen, konnten nicht gebraucht werden. Den kräftig gebauten, stattlichen Herrn hatte das lange schmerzhafte Leiden ziemlich stark angegriffen. Die Behandlung bestand in Folgendem:

1. Zweimal in der Woche Wicklung von unter den Armen an bis zu den Füßen ganz hinunter. 1 1/2 Stunden lang, das Tuch in 30° Reaumur = 37° Celsius warmes Wasser getaucht, in welchem Haberstroh (ein Büschel Haberstroh = Haferstroh schenkt jeder Bauer jedem Armen), Heublumen und Fichtennadeln (siehe: Fichtenreiserbad) gesotten wurden;

2. jeden Morgen und Abend den angeschwollenen Arm in solchem Absud ein- bis zwei Stunden lang einwickeln (siehe: Wicklungen);

3. in der Woche 2 warme Kräutervollbäder mit dreimaligem Wechsel ins kalte Vollbad - etwa 1 Minute;

4. dreimal wöchentlich einen Shawl umlegen, eine Stunde lang.

Nach 14 Tagen war bereits wesentliche Besserung bemerklich. Fernerhin gebrauchte Patient zu Hause:

1. Einwicklung des Armes in einen Absud von Haberstroh, Heublumen und Fichtennadeln;
2. wöchentlich ein warmes Kräutervollbad mit Wechsel ins kalte Vollbad (1 Minute);
3. dreimal in der Woche ein kaltes Halbbad, eine halbe bis eine Minute lang;
4. drei- bis fünfmal in der Woche ein kaltes Sitzbad von zwei Minuten Dauer.

Durch Gebrauch dieser Anwendungen erfolgte eine gänzliche Abschwellung des kranken Armes und der Kniee und Wiederherstellung der Beweglichkeit.

Zur weiteren Ausheilung wurden im September 1887 angewendet:

1. ein warmes Handbad, Einwicklung der Hand in angeschwellte Heublumen (siehe: Wicklungen) und gleich darauf kalte Abwaschung der Hand (siehe: Teilwaschungen);
2. in der Woche drei- bis viermal ein Halbbad;
3. in der Woche ein ein warmes Kräutervollbad mit dreimaligem Wechsel ins kalte Vollbad (1 Minute)
4. viermal wöchentlich ein Oberguß.

Der Erfolg dieser Kur gestaltete sich sehr günstig. Die Gelenke wurden ganz frei von Schwellung und Schmerz und vollkommen beweglich; das Gesammtbefinden und der Lebensmuth des Herrn Grafen war seitdem ausgezeichnet. Derselbe befindet sich so wohl, daß er Stunden lang ohne Ermüdung zu marschieren vermag, und nachdem er - ein passionirter Waidmann - Jahre lang krankheitshalber auf die Jagd hatte verzichten müssen, konnte er im nämlichen Herbst wieder neun Tage lang eine Jagd mitmachen zum Erstaunen der andern hohen Herren.

Um gesund zu bleiben, ist täglich eine der Abhärtungsanwendungen vorzunehmen: ein kaltes Halbbad oder ein kaltes Vollbad oder Wassergehen im kalten Wasser. Kaltes Halbbad und kaltes Vollbad etwa 1 Minute lang. Wassergehen anfangen mit 1 Minute, dann länger bis 5 und 6 Minuten.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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