Das Kräuter-Verzeichnis


Gelbsucht


Die Gallenblase liegt an der Leber und ist eine Art Sammelbehälter für die aus den Lebergängen herausfließende Galle. In den innerhalb der Leber gelegenen Gängen oder in der Gallenblase können sich Verhärtungen der Galle bilden, Gallensteine genannt, die entweder in der Leber oder bei der Weiterwanderung in dem Gallengange die Entleerung der Galle hindern. Aber auch durch Druck, durch Stoßen und ähnliche Uebelstände können Zuschwellungen des Gallenganges eintreten, und dadurch kann die Galle in's Blut gerathen. Dann entsteht die Gelbsucht. Sie entsteht auch gerne nach schweren Krankheiten, wie Typhus, starkem Fieber u.s.w. Es kann aber auch die Leber krank sein und in Folge dessen das Blut krankhaft oder gar nach und nach vergiftet werden. Kommt die Gelbsucht nur von Störungen her oder auch von anderen Krankheiten, so hat dies meistens wenig Bedeutung; kommt aber die Gelbsucht von einer Krankheit der Leber her, so bringt sie gerne den Tod. Die ersten Zeichen der Gelbsucht erblickt man im Weißen des Auges, dann in der Haut selber, im Stuhlgang und Urin; der Appetit läßt gewöhnlich nach, und auch der Geschmack ändert sich meistens. Ist die Leber gut, so hat diese Krankheit im Heilen keine Schwierigkeit. Nach innen ist besonders zu empfehlen: täglich drei- bis viermal, jedesmal drei bis vier Löffel voll, Wermuththee oder dreimal eine Messerspitze voll Wermuthpulver in sechs bis zehn Löffeln voll warmen Wassers einnehmen. Salbei mit Wermuththee thut treffliche Dienste.

Täglich sechs Pfefferkörner mit der Speise verschluckt, ist ebenfalls ein Mittel zu guter Verdauung. Im Essen und Trinken mäßig sein ist zu empfehlen. Die Milch als Nahrungsmittel ist vorzüglich.

Die besten Anwendungen mit Wasser sind: In der Woche zwei- bis dreimal einen kurzen Wickel und eine Waschung zur Nachtzeit vom Bett und gleich wieder in's Bett. Die gelbe Farbe bleibt oft Wochen hindurch, hat aber durchaus keine Gefahr. Wie man aus einem Stoffe nicht schnell eine Farbe herausbringt, so geht es auch bei der Gelbsucht. Geht aber die gelbe Farbe nach und nach über in braune und schwärzliche, nimmt der Appetit stets ab, ist ein allgemeines Beissen und Brennen in der Haut und steigert sich die Abmagerung immer mehr, dann ist aller Grund da, zu suchten die Leber sei unheilbar, und es trete Leberverhärtung, Leberkrebs oder eine ähnliche Krankheit ein.

Ganz besonders wirkt auf kranke Leber und Gelbsucht, jeden Morgen und jeden Abend eine Tasse Milch trinken, mit welchem ein Löffel voll Kohlenstaub mit Zucker vermischt ist. Gelenkrheumatismus.

Es kommt ein Herr. Sein Aussehen ist krankhaft. Verschiedenes und schweres Unbekannte hat seinen Zügen eine tiefe Wehmuth eingedrückt. Mir stieg beim ersten Anblick unwillkürlich der Gedanke im Kopfe auf: Der Mann leidet viel oder hat viel gelitten. Die ungesunde Gesichtsfarbe zeigt ein unheimliches Gelb, der Kopf nur mehr wenig (kaum den zwanzigsten Theil von früher) Haare. Der Mann selbst noch nicht vierzig Jahre; er ist ein Bild des Ernstes, großer Ruhe, aber auch, wie gesagt, ein Leidensbild. Sein eigener Bericht lautet also: „Es stellten sich bei mir öfters Unterleibsleiden mit heftigen Kolikanfällen und Diarrhöen (Durchfall) ein. Später bekam ich eine Nierenkrankheit, wie die Aerzte es nannten. Wenn die unsäglichen Schmerzen kamen, drehte es mich um wie eine Spindel, wie einen Kreisel. Nach Jahren verlor ich dieses Uebel, dafür aber bekam ich diesen Gelenkrheumatismus. Mir ist's, als wenn die Summe alles früher erlittenen Schmerzes in die Glieder gefahren wäre und jedes Glied eigens gepeinigt werde. Ich gebrauchte viele ärztliche Mittel. Das Ende war stets nicht die ersehnte Hilfe sondern das alte Leiden.

Mit großer Ueberwindung und großen Opfern konnte ich meinem Berufe bis zuletzt vorstehen; geklagt habe ich Niemandem, es verstand mich ja weder der Arzt noch sonst Jemand. Derjenige, welcher den Leidenden die Krone versprochen hat, weiß allein, was ich gelitten. Eines noch wäre vielleicht meinen Worten beizufügen. Ich hatte Fußschweiß; die angerathenen und angewendeten Mittel vertrieben ihn, aber mir war nicht gut. Auch Mineralbäder habe ich auf Verlangen des Arztes gebraucht; doch sie steigerten mein Uebel. Peinlicher fast als aller Schmerz quälte mich im Innersten die Wahrnehmung, daß Mancher meinte, die Sache sei doch nicht so arg; die Empfindsamkeit spiele bei mir eine große Rolle, man müsse sich überwinden und über derlei Dinge hinwegsetzen. Leiden tragen ohne Theilnahme heißt doppelt leiden."

Die Erzählung hat lange gedauert, freundlicher Leser; aber sie war und ist lehrreich. Daß wir gegen Kranke doch nie hart und ungerecht werden! Ein sonst tüchtiger Mann wird ja nicht plötzlich und ohne Grund wie eine feige Memme jammern.

Wer mag die Wurzel all' dieser Uebel uns nennen, das Innere dieses recht kranken Körpers uns erschließen? Das Geheimniß ist nicht schwer zu errathen. Die Vordersätze hat uns der Kranke selbst in seinem Berichte gegeben; wir brauchen nur den Schluß daraus zu ziehen. Die gelbe Farbe, die häufigen Kolikanfälle, der zurückgedrängte Fußschweiß lassen auf einen giftigen Stoff schließen, der, wie die Schlange im Versteck, im Körper lauerte, zuweilen züngelte und zischte, jetzt aber, bei dem letzten Anfall auf seine Beute schießt, d. i. alle Glieder erfaßt und sie mit seinem Biß bis hinein in die Gelenke und in das Knochenmark selbst vergiftet. Auch die Haare fallen von einem sonst dichten und starken Haarboden nicht ohne Grund aus. Es muss sie ein innerer Sturm ausschütteln, wie der Herbstwind die fahlen und dürren Blätter von den Bäumen schüttelt. Oder ein giftiger Wurm, d. i. ein Giftstoff, muss deren Wurzeln tödten.

Eine solide Heilung wird nur möglich sein, wenn dieser Giftstoff, der Alles durchmessen hat, ausgelöst, ausgleitet und der Körper dergestalt gekräftigt ist, daß er solche fatale Säfte nicht mehr auskommen läßt. Mäuse vertilgt man mit Mausgift. Und das Gegengift für unser Gift, in welcher Materialienhandlung ist es zu kaufen? Mancher würde es gut bezahlen. Für künstliche Mittel ja, besonders wenn sie noch neu und unbekannt sind, zahlt man sein theures Geld; für die natürlichen und besten Mittel aber weiß man dem Geber alles Guten oft kaum ein kaltes "Deo gratias", „Gott sei Dank!"

Im klaren Quell, im Bache, im Brunnen fließt das vielvermögende Heilmittel, das wir meinen. Es ist das Wasser. Wie soll das Wasser heilen? So höre! Wenn die Hausmutter ihre Leinwand bleichen, d. i. ihr das blendende Weiße geben will, so taucht sie selbe in's Wasser, begießt sie öfters und läßt dann die liebe Sonne darauf scheinen. Das oftmalige Gießen weicht die sogenannten Rohstoffe auf, und die Sonne zieht sie alle aus. Das Linnen ist gebleicht auf der einen Seite, dasselbe Verfahren bleicht es auf der anderen. Durch und durch müssen zu gründlicher Bleiche der Wasser- und der Sonnenstrahl dringen; dann aber trübt das blendende Weiß, den Stolz der Hausfrau, auch nicht ein trüber Fleck. Das ist klar. Machen wir die Anwendung! Der Körper unseres Kranken mit seinem gelben Hautüberzug gleicht wahrlich so einem ungebleichten Linnenstück. Ein Theil der Wasseranwendung muss die Feuchtigkeit, welche die Roh- d. i. die Giftstoffe auflöst, nach und nach bis in's Innerste eindringen machen; der andere Theil muss Wärme entwickeln, welche, der Sonnenwärme gleich, das Aufgelöste herauszieht. Noch Eines. Auch der Lauge bedient sich zuweilen die Hausfrau, welche nachhaltiger und Schneller die Dienste des Wassers thut bei ihrem Linnen. Laugen können als stärkere Auslösungsmittel auch wir bereiten. Wir kochen im Wasser verschiedene Vegetabilien, Pflanzen, und die trefflichste Lauge für die Körperbleiche ist fertig.

Doch kehren wir zurück zu unserem Falle! Der kranke Herr musste zuerst den spanischen Mantel anlegen. Diesem folgte ein Kopfdampf mit kräftiger Abwaschung, hernach ein Fußdampf. Beide Dämpfe ersetzten die beste Lauge (man kann mir glauben) und durften erst nach ordentlichen Zwischenräumen einander ablösen. Je schonender nämlich der Körper behandelt wird, um so leichter kann die Natur es aushalten und selbst mithelfen, die Krankheitsstoffe auszuleiten. Darauf nahm der Kranke einen kurzen Wickel und, um die Natur zu stärken, einen Ober- und Unterguß, von sämmtlichen Anwendungen abwechselnd täglich eine; dazu jede Nacht vom Bette aus eine Ganzwaschung. So wurde drei Wochen fortgefahren. Die vierte und fünfte Woche erhielt er je zwei Halbbäder, einen Kopfdampf und Fußdampf und einen spanischen Mantel; die sechste Woche endlich zwei warme Bäder im Wechsel mit kalten, ein Halbbad und einen Ober- und Unterguß. Für die weitere Zukunft empfahl ich dem Patenten wöchentlich ein paar Ganzwaschungen, einen Ober- und Unterguß, monatlich ein warmes Bad ohne Wechsel.

Das Wasser strafte auch in diesem heiklen Falle das Vertrauen nicht Lügen. Das schwere Leiden, das ohne Zweifel einen frühen Tod gebracht hätte, verschwand. Das frische Aussehen, die verlorenen Kräfte kehrten wieder; an Stelle des gebrochenen Muthes trat neue Begeisterung zum Berufsleben. Die Stimme tönte klangvoll wie früher. Oft wiederholte sie mir das herzliche "Vergelt's Gott." Demjenigen aber, von dem allein alles Heil und Gelingen kommt, sang sie ein freudiges und dankbares Gloria: die Ehre sei Gott!

Ein Mann von ungefähr 40 Jahren hatte im rechten Fuß solche rheumatische Schmerzen, daß er nur mit Hilfe eines Stockes ganz kurze Strecken gehen konnte. Zeitweilig hatte er auch Schmerzen in den Armen und Schultern. Angewendet wurde schon Verschiedenes, jedoch ohne Erfolg. Er nahm die Zuflucht zum Wasser, und in sechs Tagen fühlte er sich so ziemlich befreit, setzte die Anwendungen noch fort und wurde vollständig geheilt.

Die Anwendungen waren folgende:

1) Sechs Tage hindurch täglich zwei Obergüsse und zwei Schenkelgüsse, einmal in der Woche ein Wickel unter den Armen. Täglich zweimal im Wasser gehen bis über die Waden 1 bis 3 Minuten. Jeden Tag einen Rückenguß und Grasgehen.
2) Nach diesen sechs Tagen Oberguß mit Knieguß im Wechsel mit einem Halbbad, letzeres eine Minute lang.

Ein Bursche von 28 Jahren erzählt: "Ich habe bereits zwei Jahre keinen einzigen Tag, an welchem ich schmerzlos bin; der Anfang war auf dem Rücken, wo ich ein heftiges Brennen und Stechen empfunden habe, bald in schrecklicher Weise, dann erträglicher, nach und nach zog sich der Schmerz mehr in den rechten Schenkel bis hinunter; ich kann oft ganze Nächte nicht zwei Stunden ordentlich schlafen; bald peinigt mich die Hitze, bald kommt ein Kältegefühl, daß es mich schüttelt. Ich gebrauchte Anfangs mehrere Aerzte ganz erfolglos; es wurden auch Einspritzungen vorgenommen, woraus die Schmerzen eine kurze Zeit gemildert wurden, aber gewöhnlich bald darauf viel ärger auftraten. Weil mir die Aerzte nicht helfen konnten, habe ich Pfuscher gebraucht; ich bekam Einreibungen, geistige Einwaschungen; aber Alles, was ich gethan, half mir nichts. Jetzt möchte ich den Versuch mit Wasser machen."

Die Anwendungen waren folgende:
1. jeden Morgen um 8 Uhr ein Oberguß mit 2 bis 4 Gießern voll kaltem Wasser,
2. um 10 Uhr ein Schenkelguß,
3. Nachmittags 2 Uhr ein Schenkelguß und 4. Abends im Wasser gehen

So am ersten Tage. Am zweiten Tage. des Morgens Wassergehen, um 10 Uhr Schenkelguß, Nachmittags 2 Uhr Rückenguß, Abends 5 Uhr Sitzbad.

Am 3. Tage: Am Morgen Halbbad, um 10 Uhr Oberguß, Nachmittags 2 Uhr Schenkelguß, um 5 Uhr Wasser gehen.

Am 4. Tage: Am Morgen Schenkelguß, um 10 Uhr Halbbad, Nachmittags Rückenguß und Abends Wasser gehen.

So wurde 12 Tage lang fortgemacht, und der Kranke war gesund. Um aber den Körper zu stärken, der durch die Schmerzen viel Kraft verloren hatte, musste der Geheilte noch längere Zeit in der Woche ein- bis zweimal Halbbad nehmen und ein- bis zweimal im Wasser gehen.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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