Das Kräuter-Verzeichnis


Entzündungen (Hals, Lunge, Unterleib, u.a.)


Ein Knabe, der kaum recht gehen konnte, sieht, wie die Mutter Licht gemacht hat. Er gibt sich alle Mühe, so ein Hölzchen zu erwischen; er will auch Feuer machen. Es gelingt ihm, und der kleine Uebelthäter zündet mit dem Streichhölzchen ein mächtiges Feuer an. Das ganze Haus brennt ab und Alles, was darinnen ist.

Wie viele tausend Menschen liegen auf den Gottesäckern, bei denen sich gleichsam so ein kleiner Funken krankhaften Stoffes im Körper entzündet hat; der Funken wurde zur Flamme. Von allen Seiten drang das Blut zur entzündeten Stelle und gab neuen Zündstoff. Es goß Oel in die Flamme, und die Flamme wurde zum großen Feuer. Es waren vielleicht nicht die richtigen Anstalten zum Löschen getroffen worden, und die armselige Hütte der menschlichen Seele brannte elendiglich zusammen. Tausende von Thieren gehen jährlich so zu Grunde. Abertausende von Menschen ereilt ein gleiches Schicksal. Wie schnell geht das oft! Dein Hals hat an einer Stelle Feuer gefangen, er ist entzündet. Es kommt zufällig ein rauhes Lüftchen und thut Blasbalgdienste; es bläst das Feuerchen an, die Adern liefern neuen Brandstoff, und in wenigen Stunden steht der Hals in Brand. Ist's nicht so? Was thun? Was thun die Leute, wenn's brennt? Sie schreien Feurio und suchen zuerst zu retten, was zu retten ist. Dann entfernen sie, wenn es Zeit ist, von der Brandstelle in aller Eile Alles, was dem Feuer nur Futter sein kann, und spritzen dann darauf los, bis der Feuersnoth oft die Wassernoth folgt. Diesen Wink wollen wir verstehen und ausnützen.

Wenn irgend eine Entzündung eintritt, so suche man möglichst bald, das auf diese Stelle zuströmende Blut, zurückzuleiten. Man rette das noch nicht entzündete Blut. Ebenso wirke man auf die entzündete Stelle ein, damit das zusammengeströmte Blut möglichst vertheilt und abgeleitet werde.

Unlängst ging Nachts, als ich eben einschlafen wollte, das Holz im Ofen an. "Fatale Geschichte!" dachte ich; "bis dieser Scheiterhaufen abgebrannt ist und ausgeknittert und ausgeprasselt hat, geht die halbe Nachtruhe hin." Mein Nachbar war gescheidter. "Nicht das Knistern, meine Ruhe will ich habend, murmelte er. Und was that er? Er nahm Scheit für Scheit, ob's flammte, ob's schon knisterte, heraus. Und aus war alles Feuer. Das ist doch klar.

Doch nun zurück zur Halsentzündung! Greif einmal die Füße an und fühle, ob sie nicht vielleicht eiskalt sind! Manchmal trifft dieses zu. Wo mehr Wärme ist, entstehe sie, wo sie wollen strömt mehr Blut zu. Das Blut in den Füßen ist gleichsam davon - und dem Brande im Halse zugeeilt. Wickle die Füße ein in linnene Lappen, die in mit etwas Essig vermischtes Wasser eingetaucht sind! Bald schon wirst du große Wärme verspüren. Der Fußwickel zieht das Blut nach unten, und etwas Brennstoff ist dem Feuer schon genommen. Suche sodann das Blut weiter abzuleiten in den Unterleib! Dieses geschieht durch Auflegen eines größeren, in derselben Weise durchnetzten Tuches auf den Unterleib. Sollte es recht heiß werden, so tauche es von Neuem ein in kaltes Wasser, und zwar so oft als die Hitze groß und das Tuch warm wird! Mehr Brennstoff als durch die erste Anwendung (Fußwickel) wird durch diese zweite (Oberaufschläger) dem gefährdeten Halse entzogen. Und nun kannst du den Hals selbst angreifen, den eigentlichen Feuerherd. Tauche ein Tuch in's kälteste Wasser und binde es um (Halswickel); laß das Tuch aber nicht zu heiß werden; erneuere vielmehr dessen Eintauchen, so oft es recht warm wird!

Lassest du es heiß werden, so entwickelt sich auch am und im Halse wieder mehr Wärme, und das Blut, das zum Theil abgeleitet ist oder noch vollends abgeleitet werden soll, strömt von Neuem dem Halse zu und droht die Entzündung frisch anzufachen. Wer diesen letzten Punkt, über den schon so viel gestritten wurde, mit mir also auffaßt, wird nach kurzer Praxis bald sein eigener bester Wärter. Er fühlt am besten, wo Hitze weggetrieben, wann der Ausschlag oder Wickel erneuert werden soll. Darnach applizirt und wiederholt er die Wasseranwendungen. Der Hitzegrad wird ihm der Zeiger an der Uhr; zeigt jener auf Null, d. h. ist das Feuer gedämpft, so läßt er den Körper in Ruhe; zeigt er auf geringere oder höhere Zahlen, d. h. nimmt das Feuer zu, so eilt er ohne Säumen neuerdings zur Feuerspritze.

Entzündung edler Körperteile: Lungen-, Brustfell-, Bauchfell- und Unterleibs-Entzündung.

Margaretha liegt zu Bett. Sie hat heftigen, trockenen Husten, verbunden mit viel Brechreiz, und von Stunde zu Stunde nimmt die Hitze zu. Gewaltiges Stechen und Brennen peinigt die Brust und die eine Seite. Der Arzt erklärt, es sei eine LungenEntzündung im Anzug. Wie kann der Kranken geholfen werden? Jedes Kind weiß, daß ein Schwamm ungemein viel Wasser einsaugen und behalten kann. Sollte es nicht auch Mittel geben, welche, wie der Schwamm das Wasser, die Hitze an sich ziehen, gleichsam einsaugen und behalten? Ja, es gibt solche Mittel, und sie liegen nicht ferne. Jede Bauersfrau bei uns auf dem Lande kennt den Topfenkäs. Anderwärts nennt man ihn Zieger (Ziger ist eine Masse, die sich beim Erhitzen von saurer Molke abscheidet. Ziger kann als Brotaufstrich verwendet werden. Eventuell im Käsegeschäft kaufen.); er wird gewonnen aus der geronnenen (gestockten) Milch. Solchen Topfenkäs rührt man mit Topfenwasser zu einer feinen Salbe an, streicht ihn etwas mehr als messerdick auf Leinwand und legt das Pflaster auf die stechende oder brennende Stelle, an der das Feuer der Lungenentzündung um sich greifen will. Ich kenne kein Mittel, welches mehr Hitze an- und einzuziehen im Stande ist. Die stärksten Hitzen habe ich so dämmen und ganz auslöschen sehen, wenn man täglich zwei- bis viermal, je nach dem Grade der Hitze, so ein Pflaster auflegte. Viele kenne ich, die hauptsächlich bei Lungenentzündung ihr Leben allein dieser so einfachen Auflage verdanken.

Innerlich soll der Kranke jeden halben Tag zur Kühlung einen Löffel voll Salatöl einnehmen.

Reichen diese zwei Mittel nicht aus, d. h. sollte die Hitze noch groß bleiben, so können Wasseranwendungen folgen. Man wickle den ganzen Körper des Kranken von unter den Armen an in ein naßkaltes Tuch ein (Unterwickel) und wiederhole dieses täglich zweimal. Von der jedesmal notwendigen Umhüllung spreche ich nicht mehr. Man sehe vorn nach bei der Beschreibung der Anwendungen. Oder man umwinde beide Füße bis über die Knöchel mit in Wasser (eine kleine Beimischung von Essig kann nur gut sein) getauchten Tüchern (Fußwickel) und erneuere das Eintauchen so oft, als die Tücher recht heiß werden. Statt der Tücher kann man auch nasse Socken anziehen, darüber als Umhüllung trockene.

Wendet die kranke Margaretha 3 bis 5 Tage das Pflaster an, gleich beim Beginn der Krankheit, so kann sie in 6 bis 7 Tagen, längstens in 9 bis 10 Tagen wieder gesund sein.

Wie die Lungen sich entzünden, ebenso können auch andere edle Theile des Körpers entzündet werden. Wir sprechen von Brustfell-, Bauchfell-, Unterleibs- und anderen Entzündungen. Bei allen gelten dieselben eben berührten, allgemeinen Grundsätze und dasselbe Heilverfahren: Vertheilung, d. i. Ableitung des Blutes, Kühlung der entzündeten Stelle, d. h. Entziehung der Hitze durch Einwirken von Kälte.

Mitternachts wurde ich einst zu einem Kranken gerufen. Er wußte nicht mehr zu athmen. Husten und Brechreiz waren groß. In der Brust, besonders auf der einen Seite - so klagte er - gehe es zu, wie wenn man sie mit Messern durchsteche; der ganze Körper glühe schrecklich. Ich providirte den Kranken nicht, wie die Angehörigen baten, und bereitete ihn nicht zum Tode vor. Aber ich ließ ihn von unter den Armen an in nasse Tücher einwickeln (Unterwickel) und auf die schmerzende Stelle ein Topfenpflaster (siehe: Topfenkäs) auflegen. Zum Einnehmen erhielt er einen Löffel Salatöl. Das that wohl. 6 Tage wurde so fortgefahren, und der Todkranke war außer Gefahr.

Stirbt Jemand an der Lungen- oder an einer anderen inneren Entzündung, was ist da im Innern vor sich gegangen, wie haben wir uns dieses vorzustellen? Im Aeußeren spiegelt sich das Innere. Du hast sicherlich schon hie und da bei Anderen kleine Geschwüre gesehen - man nennt sie Karbunkel - oder solche an einem Arm, Fuß, einer Hand oder aus deinem Rücken, Magen, deiner Brust u.s.w. vielleicht schon selbst empfunden. Wie entwickeln sich diese? Wenn sich so ein Geschwür irgendwo bildet, entsteht an der Stelle erst eine Röthe, und man fühlt im Inneren ein Brennen. Die Geschwulst nimmt zu, und nach einiger Zeit bemerkt man an jedem dieser spitzen Kegel, seien sie groß oder klein, einen erhöhten weißen Punkt. Man sagt: das Geschwür ist reif, zeitig, und schneidet es aus oder drückt es aus. Es kommt Eiter heraus und mit und nach dem Eiter in Fäulniß geratenes Blut. Gut ist's!

So ein kleines "Blutschwär" (Blutgeschwür), wie es die Landleute nennen, verursacht meistens große Schmerzen, nicht allein an der Hand, am Fuß u.s.w., wo es sich ansetzt. Man "spürt's in allen Gliedern", der "ganze Körper thut weh". Das ist der deutlichste Beweis, daß der ganze Körper selbst bei solchen unscheinbaren Uebeln in Mitleidenschaft gezogen wird, so daß folgerichtig es dem ganzen Körper zu gut kommt, wenn derlei Dinge gut ausheilen, und daß er leidet, und daß es sich rächt, wenn sie vernachlässiget werden.

Kommt ein derartiges größeres Geschwür nicht zur Entwicklung, zum Aufbrechen, "will's" nach dem Volksmund "nicht heraus," so färbt sich nach und nach die kranke Stelle blau und rothbraun. Das Blut steht ab, und das abgestandene Blut wird und wirkt giftartig. Ein Biß der unheimlichen Klapperschlange, ein Tropfen Schlangengift in's Blut, und nach einigen Minuten tritt der Tod ein. Solches Blut ist Gift. Mischt es sich mit gesundem Blute, so vergiftet es auch dieses, es beginnt eine Blutvergiftung. Kann sie nicht ausgehalten werden, so endet sie stets mit dem Tod. Nicht anders haben wir uns den Prozeß im Inneren zu denken. Die Vergiftung vollzieht an edlen Organen ihr Werk nur schneller und wüthet unheilvoller und schrecklicher. "Er unterlag einer Blutvergiftung," wie die heutige Sprache sich ausdrückt, oder: "er ist am Brand gestorben," wie die alten und gemeinen Leute sagen - das sind beides nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache.

Martin, ein schöner, starker Mann, bekommt heftiges Fieber. Zuerst schüttelt ihn entsetzlicher Frost. Dann quält ihn brennende Hitze. Der Kopf ist so heiß, daß der Arzt auf eine Gehirnentzündung schließt. Das ganze Innere steht in Flammen; diese schlagen durch den glühenden Athem gleichsam zum Munde heraus, oder besser: wie die innere Gluth den Holzhaufen verbrennt, so arbeitet die Glühhitze schrecklich, die inneren Organe in raschem Tempo zu verkohlen. Die Vorboten des Uebels waren Kopfweh, Abgeschlagenheit, Mattigkeit und Frost. Außer dem Fieber aber fühlt der Kranke jetzt an keiner einzelnen Stelle besonderen Schmerz. Nach 10 Tagen war der Mann eine Leiche, und beim Seciren stellte es sich heraus, daß das Gehirn intakt, unverletzt, daß der Arme vielmehr an einer Lungenentzündung gestorben war.

"Wie hätten Sie diesen Fall behandelt?" fragte man mich. Zuerst eine Vorbemerkung. Dieser Fall zeigt sonnenklar, wie leicht die Diagnose (die Kunst, nach den Erscheinungen die Krankheit zu unterscheiden und zu finden) täuschen kann. Bei Lungenentzündung ist fast regelmäßig Stechen, Brennen in der Lungengegend, Husten und Brechreiz vorhanden. Unser Kranker fühlte davon nichts. Wie hart thut in derlei Fällen - vielleicht komme ich später einmal in die Lage, davon Mehreres zu sagen - der Allopath (Schulmediziner)! Und wohlgemerkt, es ist oft die höchste Zeit, die Feuersbrunst hat schon große Dimensionen (Ausdehnungen) angenommen. Die Feuerspritze darf das Feuer nicht verfehlen, sonst ist's geschehen. Auch tropfen- und löffelweise kann ich da nicht mehr zu Werke gehen, die Tropfen zehrt das Feuer augenblicklich auf. Mein einfacher Grundsatz in solchen verzweifelten Fällen - und es wird ihn wohl Niemand anfechten - heißt: Wenn's brennt, so lösche; lösche zuerst, wo es am meisten brennt; ist der ganze Körper ein Brand, so lösche auch am ganzen Körper! Vielleicht wirst du Herr des ganzen Feuers; jedenfalls schwächst du es und hast zu weiterer Ueberlegung Ruhe und ein freies Ausschnaufen.

Dem Kranken hätte ich während 3 bis 4 Stunden jede halbe Stunde Rücken, Brust und Unterleib waschen lassen. Die Wuth des Feuers wäre so um Vieles gedämpft worden. Dann hätte ich weiter gelöscht mit Ober- und Unteraufschlägern - die Unteraufschläger zum Daraufliegen recht dick (mehrfach zusammengelegt) - und mit nassen Socken oder Tüchern (siehe: Fußwickel) bis über die Knöchel, letztere nach jeder Stunde neu eintauchend. Hatte der Kranke sonst gesunde Lungen, - und mir scheint Solches der Fall zu sein, wenn es im höchsten Stadium der Lungenentzündung keine Schmerzen fühlt, - so sollte er menschlich gesprochen, d. h. wenn Gott in seinen ewigen Ratschlüssen nicht anders bestimmt hat, gerettet werden.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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