Das Heilkräuter-Verzeichnis

Bruchleiden (Knochenbrüche)


Ein besonders hervorragendes und häufiges Leiden unserer Zeit sind die Leibschäden, Brüche der verschiedensten Art. Oft erscheinen sie plötzlich, wie die Schwämme im Walde über Nacht, oft künden sie sich am Körper durch besonders schmerzende Stellen an. Alle damit Behafteten zählen unter die Presthaften, d. h. unter diejenigen, die nicht mehr zu allen Arbeiten fähig sind; denn jeder Bruch schließt stets die Gefahr nicht nur heftiger Leiden, sondern bei Unvorsichtigkeit sogar die des Todes in sich.

Diese Zustände kommen hauptsächlich bei schwächlichen Naturen vor. Deßhalb kann das Zeitalter der Verweichlichung viele solche Früchte aufweisen. Ich bin der vollsten und festen Ueberzeugung: wenn eine vernünftige Abhärtung gepflegt würde von Jugend an, wenn nur reelle, nahrhafte, vernünftig Kost genossen würde und keine verkünstelte, verfeinerte und so vielfach verdorbene, so träten alle diese Uebel höchst selten auf und meistens nur in Fällen, in denen gewaltsame Einwirkungen auf den Körper geschehen durch Schlag oder Stoß.

Vor 50 Jahren kannte man wenig "gebrochene Leuten in einem Dorfe; in einem Städtchen konnte man die Zahl an den Fingern zählen. Heutzutage kommen vielleicht 20 Personen zusammen, und 3 bis 4 derselben haben einen Leibschaden. Gewöhnlich suchen die Betroffenen zu allem Unglück hin ihr Uebel so viel wie möglich verborgen zu halten. Man hört's nicht gern, wenn es heißt: der hat einen Bruch. Bei Manchem klingt dieses fast wie eine Ehrenbeleidigung, die ihn roth macht bis über die Ohren. Thorheiten! Es unterbleibt so die notwendige Pflege, und das kleinere Uebel wird zum größeren. Bruchleiden triffst du nicht bloß bei solchen, die Tag für Tag mit schwerer Arbeit sich abmühen müssen; Bruchleiden genug findest du auch in den besseren und höheren Ständen. Wie leicht und schnell ist's geschehen! A. bekam seinen Leibschaden aus dem Abort. B. hüpfte über einen kleinen Graben, er war gebrochen. E. litt viel durch übermäßige Gasbildung. Ein Unbedeutendes, eine Kleinigkeit, und das Bauchfell hatte einen Riß. D., ein Priester, predigte soeben begeistert; mit einem Bruch stieg er von der Kanzel.

Mich schmerzt es jedesmal tief (gerade weil großentheils so leicht vorgebeugt werden könnte), wenn ich höre, daß ein sonst gesunder, kräftiger Körper diesen Schaden gelitten, daß wieder ein Mann im schönsten, kräftigsten Alter zu den Invaliden gehöre. Fast muss ich es so heißen; denn eine große Anzahl Bruchleidender muss das Berufsleben vor der Zeit verlassen, oft schon mit 40, mit 50 Jahren, und selten ist solchen eine Woche gegönnt, in welcher die Beschwerden des Bruches nicht den Hauptbalken am täglichen Kreuze ausmachen. Wer es erfahren hat, weiß, daß ich nicht fasele, nicht übertreibe. Man sollte sich wahrlich mehr Mühe geben, nach den Ursachen des gewaltigen Ueberhandnehmens gerade dieses Uebels zu forschen, mit anderen Worten: man sollte der verweichlichten, geschwächten Menschheit aufhelfen. Wohin sollen wir denn kommen?

Der Bruch ist ja (Ausnahmen abgerechnet; siehe unten, wo wir von Kindern reden) doch nicht angeboren oder angeschaffen, sondern erst eingetreten in Folge von angeborener oder später eingetretener Schwäche. Gar leicht hätte diese durch Abhärtung, speziell durch Abhärtung mit Wasser, ferngehalten oder beseitigt werden können. Ob die sogenannte "bessere Welt" endlich klug wird? Ich zweifle daran. Dir aber, braver und wackerer Landmann, wenn du diese Zeilen gläubig liesest, rathe ich: nimm in der Woche ein- oder zweimal ein Halbbad oder ein paar kalte Sitzbäder (jedes Schaff (Wanne) ist gut genug)! Bald wirst du deren kräftige Wirkung erfahren. Zu derlei Bädern brauchst du keine bestimmte Zeit abzuwarten. Jede Stunde ist gut, und Alles in Allem: Ausziehen, Baden, Wiederanziehen dauert nicht länger als 4, höchstens 6 Minuten. Von der Arbeit weg kannst du das Bad nehmen, und unmittelbar darauf kannst du wieder an deine Arbeit gehen. - Doch ich bin im größten Schweiße! Auch das hindert nicht; bade ruhig, du hast nichts zu fürchten! Ueber diesen Punkt habe ich mich bei den Halb- und Ganzbädern des Näheren ausgesprochen. Jedes Wort bei dieser verantwortungsvollen Sache ist reiflich erwogen, und erst ward lange Jahre versucht und praktizirt (gehandelt), bevor gesprochen und geschrieben wurde. Gehe bis zur Brust in's Wasser und wasche rasch und kräftig den Oberkörper ab; dann kleide dich, ohne abzutrocknen, an und gehe rüstig wieder an deine Arbeit! Nach 3 bis 4 solchen Bädern brauchst du keine Aneiferung und keinen herzhaften Vorsatz mehr; das Bad oder die Waschung wird dir fast Bedürfniß, und du erweisest deinem Körper diesen Liebesdienst mit Freuden. Und das Werk (der Erstarkung, Feiung) wird seinen Meister loben.

Ein Bauer klagte mir einmal über arge Schmerzen etwas oberhalb der Weichen. Der Arzt habe erklärt, es sei ein Leibschaden im Anzuge. Ich rieth ihm, fleißig Ober- und Unteraufschläger zu nehmen. Bald ließ der Schmerz nach. Der Bauer enthielt sich kurze Zeit der schwersten Arbeit und blieb von dem angekündigten Uebel frei. Diese Warnung hat ihn zur Besinnung gebracht und klug gemacht, er wurde von nun an ein eifriger Wassermann.

Zum Schluß noch die Frage: Können Leibschäden gar nie geheilt werden? Mehrere neue Leibschaden habe ich, selbst bei Erwachsenen, dadurch geheilt, daß die gebrochene Stelle mit Kampheröl kräftig eingerieben und darüber ein Pechpflaster, das Pech auf Wachsleinwand gestrichen, aufgelegt wurde. Fuchsfett sodann ist und galt zu jeder Zeit als eines der allerbesten Mittel zur Heilung eines jungen Bruches. Man reibe alle zwei bis drei Tage die Bruchstelle mit solchem Fett ein und lege stets das Pechpflaster darüber. Auf solche Weise heilte ich einmal einen Bruch, der bereits sieben Wochen alt war.

Bei Kindern kommen Bruchschäden verhältnißmäßig häufig vor. Die Ursache ist meistens, daß sie durch die Kost stark ausgetrieben werden, und daß so das Bauchfell an einer Stelle springt. Einem solchen Kinde bereite man täglich ein Haberstrohbad (ein Büschel Haberstroh = Haferstroh schenkt jeder Bauer jedem Armen), ebenso täglich einen Ober- und Unteraufschläger, klein natürlich, wie sie für das kleine Geschöpf passen, und so lange, bis die Heilung eingetreten ist. Man reibe nebenbei sachte die leidende Stelle mit Kampheröl oder noch besser mit Fuchsfett. Solche Leibschäden heilen in kurzer Zeit, wenn sie nicht allzu große Ausdehnungen haben, in welchen Fällen kaum an Heilung zu denken ist. Für solche Leidende bleibt kein anderer Ausweg übrig, als daß ihnen ein Bruchband beschafft werde, das sie nach Anweisung des Chirurgen tragen.

Gerade die Mütter sollten Alles ausbieten, - auch das nenne ich in diesem Punkte allein die wahre Mutterliebe, - derlei Gebrechen von Anfang an und von Grund auf vorzubeugen. Es hängt viel davon ab, oft das ganze spätere glückliche oder unglückliche Leben ihres Kindes, der Schmerz oder der Trost der Eltern. Wenn Gott mir das Leben gibt, werde ich den Müttern einmal einige Winke und Rathschläge aufschreiben, wie sie ihre Kleinen von Geburt an vernünftig abhärten und pflegen sollen. Sie mögen nicht erschrecken vor dem kalten Wassermann; er hat für die Erziehung und für Alle, die dabei betheiligt sind, ein recht warmes Herz. An solche Mütter, die schwache Nerven haben und ihren "Engeln" vor lauter Einmummung und Einbauschung in Sammt und Seide und Wolle nicht einmal die frische Luft gönnen, werde ich mich nicht wenden. Nur solchen gilt's, denen daran gelegen ist, zur Heranbildung einer wieder lebensfähigen, starken Generation das Ihrige beizutragen. Auch alten Kindern dürfte die Lektüre der betreffenden Rathschläge nicht schaden. Doch wie gesagt, kommt Zeit, kommt Rath. Vielleicht macht der Herr des Lebens mir einen Strich durch die Rechnung. Und dann ist's auch so recht und gut, und ich bin damit zufrieden.

Brustfell-Entzündung siehe unter: Entzündung

 

Letzte und nächste Einträge

 

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis - Behandlungsmethoden nach Pfarrer Kneipp

 

Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!