Das Heilkräuter-Verzeichnis

Blutzersetzung


Auf der Heimreise von einer Fastenpredigt besuchte ich einen Pfarrer. Ich hatte auf dem Wege zufällig erfahren, daß man sein baldiges Ende erwarte. Ich trat ein. Der geistliche Herr saß im Lehnstuhle und erzählte: "Ich habe 25 Löcher und Wunden am Leibe. Sie sehen hier im Gesicht 5 Pflästerchen. Deren habe ich 20 am Leibe. Ganz schnell entstehen kleine Geschwüre mit brauner Flüssigkeit. Setze ich ein Pflästerchen aus, so hält es 1 Tag; beim Wegnehmen bleibt gewöhnlich etwas abgestandenes, faules Fleisch hängen. So leide und dulde ich schon seit Monaten, und Hilfe bekomme ich keine mehr. Quälender noch als die Wunden am Körper empfinde ich den entsetzlichen Eckel im Gaumen, den ich Niemandem beschreiben kann. Theurer geistlicher Mitbruder, wissen Sie einen guten Rath für einen Armen, dann geben Sie ihn bald; mir scheint es höchste Zeit."

Ich rieth dem Bedauernswerten, er solle täglich alle 2 Stunden 4 bis 6 Löffel Thee von Salbei und Wermuth nehmen, daß ihm der Ekel aus dem Gaumen schwinde. Dann verließ ich ihn auf Wiedersehen in der Ewigkeit. Nach fünf Tagen kam wirklich ein Bote, doch nicht mit der erwarteten Todesnachricht, sondern mit der Freudenkunde, der Ekel sei aus dem Gaumen entfernt, und der Kranke spüre schon Verlangen nach Speise. Der erste Rath habe so vortrefflich gewirkt, ich möchte bald einen zweiten geben. Ich ließ ihm melden, er solle während 14 Tagen täglich mit frischem Wasser Ganzwaschungen vornehmen oder vornehmen lassen, die einzelnen Waschungen so kurz wie möglich. Von Neuem kam die Meldung, der Zustand bessere sich, der Appetit sei im Steigen. Ich verordnete als weitere Anwendungen durch einige Wochen abwechselnd den einen Tag den spanischen Mantel, den andern eine Ganzwaschung. Nach 14 Tagen las der Pfarrer wieder die erste hl. Messe. Es folgten noch wöchentlich je ein Kräuterbad zu 20° Reaumur = 25° Celsius aus Heublumen bereitet, am Schlusse mit kalter Abwaschung und kalte Halbbäder (mit Waschen des Oberkörpers) im Wechsel mit Ganzwaschungen, den einen Tag die erste, den andern die zweite Anwendung. Der geistliche Mitbruder genas vollkommen und wirkte noch 24 Jahre berufsfreudig in seinem Amte als Pfarrer bis zum Ende seines Lebens.

Ein Mann kommt und erzählt: "2,5 Jahre bin ich krank, und Niemand kann mir helfen. Vor zwei Jahren sind mir beide Füße stark geschwollen und wurden bis zu den Knieen herauf ganz blau. In jeden Fuß brachen zwei Löcher, aus denen viel Blut und Eiter lief. Als die Füße etwas besser wurden, schwoll der rechte Arm Stark an, wurde ebenfalls ganz blau, und auch in ihn brachen Löcher. Der Arm ist jetzt wieder besser; ich habe aber eine Geschwulst und Schmerzen auf dem Rücken, auf dem obern Kreuz. Manchmal ist mir der Leib stark ausgetrieben, und ich habe darin große Schmerzen. Aber noch viel ärger als die erzählten körperlichen sind meine geistigen Leiden. Ich soll oft schon ganz verwirrt geredet haben. Wenn's erlaubt wäre, hätte ich schon oft meinem Leben ein Ende gemacht. Man hat oft gesagt, es sei mir angethan. Doch sei ihm, wie ihm wolle, ich kann nicht mehr elender werden."

Ich verordnete: "Sieden Sie Haberstroh (Haberstroh = Haferstroh siehe auch: Gemischte Bäder), tauchen in solches Haberstrohwasser einen Getreidesack und schlüpfen hinein wie in ein Beinkleid bis unter die Schultern (siehe: Der kurze Wickel). So werden Sie eingewickelt in eine Wolldecke, bleiben zwei Stunden darin und gehen dann, so gut Sie können, Ihren Geschäften nach. Den zweiten Tag tauchen Sie ein grobes nasses Hemd ebenfalls in solches heißes Wasser, ziehen es ausgewunden an und lassen sich in eine Wolldecke einwickeln. Am dritten Tag nehmen Sie einen kurzen Wickel, getaucht in warmes Haberstrohwasser (Haferstrohwasser), 1,5 Stunden lang. So wird 14 Tage fortgemacht." Nach 14 Tagen waren alle Geschwülste beseitigt; ein Fuß war geheilt, der andere hatte noch eine kleine Oeffnung; der Appetit stellte sich ein, und der Bauer musste jeden dritten Tag eine von den drei Anwendungen im Wechsel vornehmen. Nach drei Wochen war Körper und Geist in Ordnung.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
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