Das Kräuter-Verzeichnis


Blattern


Was Scharlach im Kleinen, das sind die Blattern im Großen. Giftig ist schon der Scharlach, giftiger sind die Blattern, seien es die weißen oder die schwarzen. Die Behandlung bleibt für alle Fälle dieselbe. Man sagt gewöhnlich, wenn die Blattern nicht hervortreten, so müsse der Kranke daran sterben. Darum kann nichts Besseres gethan und sorgfältiger gethan werden, als so schnell wie möglich den Blatternstoff an die Oberfläche der Haut zu leiten, um so im Inneren die ärgste Vergiftung zu verhüten und eine rasche Ableitung vorzunehmen.

Sechs Personen, die an den weißen Blattern erkrankten, wurden geheilt, indem dieselben so oft gewaschen wurden, als die Hitze recht groß, die Bangigkeit fast nicht auszuhalten war. Anfangs war es jede Stunde nothwendig, später alle zwei Stunden, nach längerem Verlauf im Tage nur noch zwei- bis dreimal. Am siebenten Tage waren die sechs Kranken vollständig Gesund. Gegessen haben sie fast nichts, was am besten ist, getrunken ziemlich viel, was nicht schadet, wenn nur in kleinen Portionen getrunken wird. Daß alle Patienten dieß beachteten! Viel Trinken auf einmal löscht den Durst nicht nachhaltig und vermehrt die Bangigkeit.

Ich selbst musste oft staunen, wie durch obige Behandlungsweise, durch die einfachen Waschungen, die Blattern stets auf der Oberfläche der Haut erschienen. Sie zeigen sich als kleine, spitzige Erhöhungen, aus der Haut hervortretend, ähnlich den Fröschen, die über das Wasser hervorschauen. Man wasche ohne die geringste Scheu! Je bälder und pünktlicher solches geschieht, desto schneller entwickeln sich die Bläschen, desto rascher wird der Giftstoff ausgeleitet. Ehe er zu den Geschwüren sich entwickeln kann, wird er, wenn ich so sagen darf, gleichsam weggewaschen.

Noch Eines: Man gönne den Kranken auch die frische Luft, die ehedem so sehr mißgönnte und gefürchtete. Immer sei eine, wenn auch kleine Stelle geöffnet, bei der sie eindringen kann.

Das Waschen geschehe so schnell, daß höchstens eine Minute zu einer Waschung gebraucht werde. Auf diese Weise können bei Erwachsenen ebenso leicht die Blattern wie bei den Kindern der Scharlach geheilt werden. Bemerkt sei noch, daß die gelindeste Anwendung die beste ist.

Vier Personen litten an denselben Blattern. Sie wurden geheilt, indem sie statt der Waschungen täglich zwei- bis dreimal ein nasses Hemd anzogen, welches der spanische Mantel gut ersetzt hatte. Nach einer Stunde wurde das Hemd abgenommen und erst wieder angelegt, wenn Hitze und Bangigkeit groß waren. Die letzten Tage geschah dieses höchstens noch ein- bis zweimal. Nach acht Tagen war die ganze Kur vorüber, und von den schrecklichen Narben, die manches Antlitz für's ganze Leben entstellen, war keine, auch nicht die geringste Spur zu sehen.

Fritz kann nicht mehr gehen, er ist todmüde an allen Gliedern. Sein Aussehen ist zum Erschrecken. Heftiges Kopfweh und lästige Uebelkeiten befallen ihn, und es drückt ihn gewaltig auf der Brust. Man ruft den Arzt. Dieser erklärt, das seien sichere Anzeichen der Blattern; es brauche indeß zur Entwickelung derselben noch drei Tage. Ein Abführmittel könne nicht schaden, sonst aber lasse sich nichts thun. Fritz war damit nicht zufrieden, und da er vom Wasser gehört, ließ er sich eine Wanne mit Wasser in's Zimmer bringen, unmittelbar neben das Bett. Jede Stunde steigt er in's Wasser und wäscht sich mit einem rauhen Handtuche kräftig ab (ich verstehe den Satz so, dass der Kranke im Wasser steht und sich wäscht, der Schwerpunkt liegt also auf der Waschung); in ganz kurzer Zeit, in kaum einer Minute ist jedesmal die Arbeit fertig. Innerhalb 18 Stunden hat sich der Kranke achtzehnmal gewaschen.

Bevor der Arzt wieder kam, war Fritz gesund und von seinem Blatternansatz gründlich geheilt. Gegessen hat er in dieser Zeit nichts und getrunken nur das liebe Wasser.

Soeben höre ich von einem Freunde, daß er, meinem Rathe folgend, ganz auf diese Weise 4 bis 5 Personen, die plötzlich vom Fieber befallen worden waren, und bei denen mit Grund der Ausbruch der Blattern befürchtet wurde, in wenigen Tagen heilte.

Herrschen an irgend einem Orte die Blattern, Scharlach, Ausschlagkrankheiten, und zeigen sich Krankheits-Erscheinungen, so beginne man möglichst bald mit der Anwendung. Ein zuwartendes, rein beobachtendes Verfahren, "was da wohl sich entwickeln möge," ist stets vom Uebel. Das Feuer greift weiter und verzehrt rasch die Kräfte. Wer sofort löscht, löscht am leichtesten. Nach wenigen Tagen schon kann die Rettung zu spät kommen.

Sobald ein Kind oder ein Erwachsener über Kopfweh, Beengung, schweren Athem, Husten klagt und sagt, daß aller Muth gebrochen, alle Kraft gelähmt sei, so sind dieses ebenso viele Fingerzeige, daß die Zeit der Anwendung gekommen. Selbst in Fällen, in denen man sich täuschte, können letztere (die Anwendungen) nie Schaden bringen.

Im Allgemeinen wiederhole ich an dieser Stelle folgende Regeln:

Die Waschungen seien so kurz als möglich und erstrecken sich auf den ganzen Körper des Patienten.

Das Zudecken (Abschließen der äußeren Luft) nach der Anwendung geschehe sorgsam, nicht zu übermäßig. Man sorge für stete Erneuerung der frischen Luft (gute Lüftung) und verhüte nur, daß der Luftstrom dem Kranken direkt in das Gesicht wehe.

Die Wiederholung des Waschens bei jedesmaligem Steigen der Hitze und der Bangigkeit werde genau eingehalten.

Niemals dränge man einen Kranken, insbesondere einen Schwerkranken zum Essen. Der Magen kündigt durch Hunger an, wann er zur Arbeit wieder aufgelegt ist. Aufgedrungene Speisen läßt er unverändert liegen. Sie belästigen und sind zuweilen ein Haupthinderniß der Genesung, zuweilen die einzige Ursache eines Rückfalles.

Welche Thorheiten werden in dieser Beziehung oft, sehr oft aus Unwissenheit, besonders auf dem Lande, begangen! Alles kommt zum Krankenbett und nöthigt in übelverstandenem Eifer und in schlimm wirkender Wohlmeinung das Essen, das Trinken auf. Man bringt dem Kranken Süßigkeiten u. A., was in solchem Zustande die Wirkung des Giftes thut. Man begeht, wie gesagt, unglaubliche Thorheiten und sündigt unwissend schwer gegen die Gesundheit.

Meldet sich der Appetit, bittet der Kranke um Festes, um Flüssiges, so gebe man ja recht wenige, einfache (nicht viel gesalzene, nicht gewürzte), milde, leicht verdauliche Speisen, niemals bis zur vollen Sättigung. Ich empfehle als Beigabe namentlich gut eingekochte Früchte. Wasser mit etwas Wein, Wasser mit Milch und später Milch allein sind das beste Labsal. Man hüte sich, den Conditor, den Zuckerbäcker zum Krankenfütterer zu machen.

Man hat bereits mancherorts begonnen, bei Blatternepidemien das Wasser als Heilmittel anzuwenden, in vielen Fällen leider viel zu schroff und abschreckend. Es wäre nur zu wünschen, daß die Anwendung noch viel allgemeiner und in der Praxis viel gelinder, leichter würde; zahlreiche Menschenleben könnten so gerettet werden. Nach meinen bisherigen Erfahrungen wage ich die Behauptung: kein an Blattern Erkrankter, der nicht außer den Blattern ein anderes schweres Leiden hat, würde (wenige Fälle ausgenommen) dieser Krankheit unterliegen. So oft ich lese, wie in einem Jahre Hunderte und Tausende von dieser Seuche, vielmehr der ihr vorangehenden und sie begleitenden Fieberhitze hinwegerafft werden, wandelt mich große Schwermuth an. Das Löschmittel steht parat, aber oftmals wird kein Tropfen zur Kühlung, zum Auslöschen der Hitze verwendet. Wer versteht solches? Daß doch die Wirkung und Heilkraft des Wassers endlich zur vollen Geltung käme!

Die Heilung der Blattern durch Wasser hat noch den speziellen Vortheil , daß der Giftstoff nie tief einfrißt, und daß deßhalb nach solcher Behandlung niemals die entstellenden Blatternnarben das Gesicht für's ganze Leben kennzeichnen.

Die Waschungen, welche wir in unseren obigen Fällen verordnet haben, können ersetzt werden durch den spanischen Mantel, den man täglich zweimal, bei großen Hitzen dreimal umlegt je 1 bis 1,5 Stunden lang. Man versäume es nie, nach jeder Anwendung den Mantel sorgfältig auswaschen zu lassen; er enthält jedes Mal eine Menge giftiger Stoffe.

Eine weitere Anwendung besteht darin, daß man, zu Bette liegend, ein zweifach zusammengelegtes grobes Linnen in's Wasser taucht, es auf Brust und Unterleib legt in Form des Oberaufschlägers und nachher in derselben Weise den Unteraufschläger folgen läßt. Bei großer Hitze kann dieses Verfahren in einem halben Tage zwei- bis dreimal wiederholt werden.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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