Das Kräuter-Verzeichnis


Beinfraß


Ein Herr von Stand bekam eine kranke Zehe; er glaubte, der Nagel sei etwas beschädigt worden, und hielt die Sache keiner weiteren Beachtung werth. Die Zehe indessen entzündete sich und machte es nothwendig, den Arzt herbeizuziehen. Dieser verordnete während mehrerer Wochen verschiedene Mittel. Die Zehe sei gut, meinte er, obschon die Entzündung an Ausdehnung gewonnen hatte und der ganze Fuß mächtig angeschwollen und zum Gehen und Stehen durchaus unbrauchbar war. Der Kranke ahnte nicht, was eingetreten war, bis sich eines Tages zwei kleine Beinchen (Knochen) aus- und ablösten. Daraufhin bekam er Mißtrauen zu seinem Fuße und zu all denen die denselben bislang für ganz ausgezeichnet gehalten und erklärt hatten. Der Herr kannte mich und bat mich, nachzusehen. Es war Beinfraß eingetreten. Alsbald ließ ich Zinnkraut in Wasser sieden und den kranken Fuß, soweit die Geschwulst reichte, mit in den Absud getauchten Tüchern überschlagen (siehe: Fußwickel). Innerhalb ganz kurzer Zeit war die Geschwulst und der noch junge Beinfraß gehoben; der Fuß heilte wieder zu, und sein Herr gebrauchte ihn wie früher.

Nach ungefähr einem Jahre meldete sich das fatale Leiden von Neuem, dießmal an dem anderen Fuße, und zwar genau wieder an der großen Zehe. Der Arzt durchschnitt die Zehe und wendete scharfe Mittel an, welche die Zehe zuheilten. Während des Heilens spürte der Patient am anderen Fuße einen ähnlichen, anhaltenden Schmerz, wie früher vor dem Auftreten des ersten Leidens. Die Heilung der Zehe schritt indessen weiter und wurde schließlich als fertig und gelungen erklärt, wenn auch die durchschnittene und geheilte Zehe um die Hälfte dicker und immer etwas geröthet blieb. Der berufseifrige Herr konnte gehen und arbeiten, und was wollte er auch mehr? Als Einer, der mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge hält, sondern immer gerade herausrückt, wurde ich gemieden und nicht weiter gefragt. Mir war das lieb; denn meine Antwort hätte lauten müssen: Die Krankheit ist theilweise gehoben, aber nicht entfernt. Die Folge wird sein, daß früher oder später der Beinfraß weiter frißt. Ich hatte mich nicht getäuscht; so kam es. Wie musste dieser Fuß behandelt werden? Nothwendig müssen beide Füße zugleich in Behandlung kommen, so lange, bis kein Fleckchen von besonderer Röthe mehr zu sehen und keine Spur von Schmerz mehr zu fühlen ist. Sie sind zu behandeln mit in Haberstrohabsud (Haferstrohabsud) (siehe auch: Haberstrohbad) eingetauchten Fuß wickeln (siehe: Fußwickel), in der Art, daß die Füße täglich einigemale umwickelt werden und die Wickel über die kranken und schmerzhaften Stellen etwas hinausreichen. Die vollständige und wirkliche Heilung wird nicht allzu lange währen.

Wie kommt es wohl, daß in unserem Falle gerade in den Füßen der Beinfraß sich festsetzte? Weßhalb nicht z. B. in den Händen oder Armen? - Dieser Herr hatte früher eine schwere, langwierige Krankheit durchgemachr, als deren Folge eine große Schwäche, besonders in den Füßen, zurückblieb. Möglich, daß darin kranker, giftiger Stoff liegen blieb. Sicher ist, daß bei dem dermaligen Rekonvaleszenten die Füße wegen ihrer schweren Arbeit (sie allein tragen stets den Körper, und oft was für einen!) sich nie gehörig erholen konnten und so als der schwächere Theil den Angriffen des Giftstosses leicht erlagen.

Der Herr lebt noch. Er darf recht Acht haben, wenn er vom Beinfraß nicht mehr will heimgesucht werden. Bei den geringsten Anzeichen möge er alsbald meinen freundlichen und gut gemeinten Rath befolgen und mit den Umschlägen von Zinnkraute oder Haberstrohabsud (Haferstrohabsud) nicht zögern. Sero venientibus ossa! Der Herr ist Lateiner, er lächelt und versteht mich. Wer nicht Latein kennt, soll nicht grübeln und sich kein graues Haar wachsen lassen, wenn ich dießmal gegen meine Gewohnheit die Fremdwörter nicht verdeutsche. Ich bin kein Lateiner, aber es gibt ja das Internet: Sero venientibus ossa = Den zu spät Kommenden (bleiben) die Knochen.)

Andere Fälle mit geheiltem Beinfraß übergehe ich, da sie jüngere Personen betreffen, bei denen im Beginn des Leidens die Heilung leicht und schnell zu Stande kommt.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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