Das Kräuter-Verzeichnis


Auszehrung


Wir kennen viele Menschen, die außerordentlich schnell beleibt werden. Man fürchtet dieses im Allgemeinen, weil die oftmals begründete Meinung herrscht, daß solche Leute meistens nicht lange leben. Deßgleichen sind uns Viele, Männer, Frauen und Kinder, bekannt, bei denen gerade das Gegentheil stattfindet, deren Kräfte auffallend rasch abnehmen. Sie gleichen dem Gras aus dem Feld, das heute grünt und morgen dörrt, und das Merkwürdige an der Sache ist, daß solche Kranke sehr häufig gar kein besonderes Leiden fühlen. Sie klagen meist nur über Mattigkeit, wenig guten Humor und entweder sehr großen oder gar keinen Appetit. Kommt man da nicht bald mit der Hilfe, so welken solche schon halbdürre Pflanzen nach und nach ganz ab; sie löschen aus wie ein schwachbrennendes Nachtlichtlein.

Vielleicht kommt noch eine akute Krankheit dazu, die dem glimmenden Dochte rasch ein Ende macht. Kranke dieser Art kommen mir, um ein Bild aus dem alltäglichen Leben zu gebrauchen, vor wie ein Haus, das gebaut wurde aus schlechtem Kalk und Mörtel, das bald baufällig wird, und bei dem in Kurzem alles aus den Fugen geht. Er ist an der Bright'schen Krankheit gestorben, hört man oft sagen. Das war so ein Zusammenbrechen eines morschen, baufälligen Körpers. Verschiedene Bezeichnungen für eine und dieselbe Sache! Gut essen und trinken hilft da nichts mehr. Wirf an ein zerfallendes Haus an diesen oder jenen Fleck noch einige Kübel Mörtel - jeder Vernünftige wird lächeln! Die Auszehrung unterscheidet sich von der Schwindsucht dadurch, daß bei dieser die Krankheit von einem Organe ausgeht, sei es von der Lunge, der Brust, dem Kehlkopf u.s.w., und von diesem Punkte weitere Kreise zieht, bei jener aber mehr eine allgemeine Auslösung, ein Ruin des ganzen Körpers stattfindet. Oft sucht man den Hauptsitz oder den Ausgangspunkt der Auszehrung in den Nieren, im Unterleibe; vielfach ist jede genaue Bestimmung vor der Sektion unmöglich; gar oft täuschen die scheinbar bestimmtesten und sichersten Zeichen.

1. Ein ziemlich korpulenter Herr erfreute sich stets der besten und ausdauerndsten Gesundheit. Seine Lebensweise und Diät waren wohl geordnet. Plötzlich merkte er, daß seine Kräfte und seine Korpulenz schwinden. Er fühlte Schwindel im Kopf und getraute sich nicht mehr zu stehen, ohne sich festzuhalten. Peinlich vor Allem war ihm der Gedanke, auf dem Boden ausschreiten, gehen zu sollen, ohne daß die Füße einen besonderen Halt hatten. Kaum sechs Wochen waren vergangen, und der Patient hatte 72 Pfund am Körpergewicht abgenommen. Der große und selten schöne Mann von ehedem wankte und schwankte daher wie ein geknicktes Rohr, leblos und todt wie ein Dürrling (dürrer Baum) im Walde. Alle ärztlichen Mittel wollten nichts helfen; der Kranke sah seiner baldigen Auflösung mit sicherem, aber wehmüthigem Auge entgegen.

In diesem Zustande und in dieser Stimmung kam er zu mir; ich erkannte ihn nicht wieder, obwohl er mir sonst ein lieber Bekannter war. Ich selbst zweifelte an der Möglichkeit eines Wiederaufkommens. Doch rieth ich, einen letzten Versuch mit Wasser zu machen.

Die Natur, die in ihrer Selbstvernichtung begriffen war, musste gestärkt und dem selbstmörderischen Treiben gesteuert werden. Täglich zwei- bis dreimal ging der Kranke barfuß im nassen Gras oder auf nassen Steinen. Jeden weitere Tag nahm er einen Ober- und Unteraufschläger, in der Woche einmal den spanischen Mantel. Diesen Anwendungen folgten wöchentlich zwei Halbbäder, ein kurzer Wickel und ein Ober- und Unteraufschläger. Die Halbbäder lösten sodann Ganzbäder ab, und zwar kalte von je einer Minute Dauer und warme mit zweimaligem Wechsel, von beiden Arten je eines in der Woche; ebenfalls wöchentlich eine Ganzwaschung. Zur Ausheilung und zur Bewahrung vor einem Rückfall verordnete ich wöchentlich ein kaltes Ganzbad, einen Oberguß mit Knieguß und hin und wieder den spanischen Mantel. Das Bier wurde von vier bis fünf Glas auf zwei reduzirt; die Kost musste einfach und nahrhaft sein.

Schon nach Schluß der ersten acht Tage war Besserung eingetreten: Stillstand der Kräfte, Abnahme und Erstarkung. Nach acht Wochen konnte der Genesene wieder seinen Berufspflichten vorstehen. Er nahm zu wie an Kraft, so auch wieder an Korpulenz und ist heute noch ein gesunder, stattlicher und kräftiger Mann.

2. Eine Mutter, blühend wie das Leben, verlor in wenigen Wochen die Frische des Aussehens und alle Kraft. Allgemein war über sie schon das Todesurtheil gefällt worden, zumal die ärztlichen Mittel ohne Wirkung blieben. In ihrer Noth flüchtete sie zum Wasser (zur Wasserkur).

Zweimal in der Woche zog sie ein nasses Hemd an und wickelte sich in die trockene Wollumhüllung, in der sie je eine Stunde blieb. Dann nahm sie ebenfalls wöchentlich zwei Halbbäder und setzte beide Uebungen 14 Tage lang fort. Der Zustand besserte sich. An Stelle der früheren Anwendungen traten jetzt wöchentlich ein kurzer Wickel und einmalige kalte Ganzwaschung vom Bette aus. Die vollständige Gesundheit ward der Mutter, die gesunde Mutter den erfreuten Kindern wieder geschenkt.

Bei derartig Leidenden kann man (wie oben bei den Krankheits-Erscheinungen schon gesagt wurde) die Bemerkung machen. daß sie bald zu viel Nahrung einnehmen, so daß die geschwächte Natur dieselbe nicht in der rechten Ordnung zu Säften, Blut, Knochen, Fleisch u.s.w. verarbeiten kann. Es müssen schlimme Folgen eintreten, wie anormale Fettbildung, Anstauungen von Blut, von Säften u.s.w. Die gut verteilten Wasseranwendungen lösen aus, leiten Unbrauchbares ab, regeln und ordnen den Blutumlauf, kräftigen und stärken den Organismus.

Noch ein Fall ist möglich. Die Nahrung wurde eingenommen, geht aber ohne die gehörige Ausnützung wieder ab. Die Organe sind schwach und matt, unthätig und arbeitsunfähig; sie sind in ihren Funktionen ganz geschwächt. Auch da müssen große Störungen im Körper entstehen, die Gesundheit muss untergraben werden. Schneide, welcher Pflanze du willst, die Saugwurzeln ab, sie muss zu Grunde gehen. Den Saugwurzeln gleichen die Organe. Das Wasser kräftigt, erfrischt sie. Du kennst das oberschlächtige Wasserrad. Es kommt der Sturzbach, die ganze Maschine geräth in Bewegung und Thätigkeit, alle Schaufeln drehen sich. So rüttelt das Wasser, das in geordneter Weise den unthätigen Körper trifft, alle Organe aus ihrer Schläfrigkeit und Schlauheit. Sie arbeiten wieder, und neues Leben pulsirt im neu auflebenden Körper.

Wie viele junge Leute tragen heutzutage derlei sieche Leiber, wahrhaft schon halbe Leichname, mit sich herum! Ich wünsche allen von Herzen, daß sie zur rechten Stunde noch die rechte Hilfs- und Heilquelle auffinden mögen!

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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