Das Kräuter-Verzeichnis


Augen-Staar


Ein Beamter brachte einen Knaben von neun Jahren, der augenleidend war. Beide Augensterne gaben so spärliches Licht, daß der arme Kleine nur mit Mühe allein gehen konnte. "Wie kommen Sie zu mir?" - "Ja, mein Kind," sagte der Vater, "war längere Zeit in einer Augenheilanstalt; es wurde aber entlassen mit der Erklärung, das Leiden sei der unheilbare graue Staar. Das ist schrecklich: 9 Jahre alt und blind!" Das eine Auge erschien schon derart getrübt, daß man den Stern nur mit recht gutem Auge noch theilweise unterscheiden konnte; eine totale Finsterniß war es für den Kleinen. Auf dem anderen Auge lag eine Wolke, und wie der äußere Sonnenrand, ehe der Ball hinter den Wolkenbergen verschwindet, nochmals aufleuchtet, so glänzte noch ein letztes Streifchen des ehedem lichtvollen Auges vor seinem gänzlichen, elendiglichen Untergange.

Der bedauernswerte Knabe litt nicht allein an den Augen, das sagte mir sein erster Anblick. Der ganze kleine Organismus war auf's tiefste heruntergekommen, elendiglich zugerichtet, so verkümmert, daß Jedermann der Gedanke kommen musste, dieses Kind ist durch und durch krank, fast, so scheint es wenigstens, abzehrend; kein Appetit, kein Leben, abgemagert, die Haut ganz trocken; rasch gestrichen stäubt diese förmlich. Also nicht die Augen allein, der ganze Körper ist krank, recht krank. Suchen wir zuerst diesen zu heilen, vielleicht öffnen sich dann auch die Augen wieder.

Wir begannen, nachdem wir zuerst die bislang getragene Brille entfernt. Der Knabe musste täglich soviel wie möglich im nassen Grase oder auf nassen Steinen barfuß gehen, und täglich wurden im Anfang Rücken, Brust und Unterleib ein- bis zweimal kräftig gewaschen. Nach einigen Zeit traten an Stelle der Waschungen Halbbäder, endlich kalte Ganzbäder, nie länger als eine Minute. Dazwischen hinein fiel abwechslungsweise der (kurze?) Wickel oder das nasse Hemd, in Salzwasser getaucht, auf 1,5 Stunden. Alle diese Anwendungen bezweckten, neue Thätigkeit, neues Leben in den Körper zu bringen, mit anderen Worten, den Körper zu heilen und zu kräftigen.

Speziell für die Augen, d. i. zu deren Reinigung und Stärkung verwendete ich mehrere Augenwasser: zuerst das Aloewasser (man nimmt eine Messerspitze Aloepulver und kocht dasselbe ein paar Minuten in einem Schoppen - 1/4 Liter Wasser). Drei- bis fünfmal täglich wurden damit die Augen gut ausgewaschen, besonders im Innern. Aloe löst auf, reinigt und heilt.

Später folgte diesem Alaunwasser (zwei Messerspitzen Alaun werden in einem Schoppen Wasser gemischt), zu täglich drei- bis viermaligem kräftigen Auswaschen. Alaun ätzt und reinigt.

Noch später nahm ich Honig-Augenwasser (ein halber Löffel Honig wird in einem Schoppen Wasser fünf Minuten lang gesotten) zu täglich drei- bis fünfmaliger Waschung namentlich des inneren Auges. Der Knabe gedieh körperlich so kräftig, daß von Woche zu Woche seine Kräfte zunahmen, sein Aussehen frischer, gesünder, blühender wurde und Geist und Körper allmählig in die richtige Verfassung zurückkehrten. In dem blühenden Kopfe erblühen auch wieder die so lange geschlossenen Augen; sie leuchten zur Freude der Eltern hell und klar. Der Knabe sieht so gut wie seine Schulkameraden. Niemand würde glauben, daß das Kind je so armselig gewesen.

Ich bin der festen Ueberzeugung: die arg verkümmerten Augen waren nur ein Bild, eine Folge des noch ärger verkümmerten Körpers. Und wie vom welk werdenden Stamme die Blätter und der Blüthenschmuck abfallen, so müssen im siechen Körper auch krank angelegte Augen verkommen. Treibt der Stamm von Neuem, dann treiben und grünen und blühen auch frisch und neu Blätter und Blüthen.

 

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Bitte beachten Sie:
Dies ist der Text eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, der teilweise überholte Heilmethoden erläutert.
Das Lesen dieser Seiten ersetzt keinen Arzt.
Sollten Sie an einer Krankheit leiden, wenden Sie sich bitte an einen Arzt!

 

 


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